Romane

Amsante Unterhaltung mit Tiefgang

Zum Leben ist es nie zu früh. Und selten zu spät. Das weiß Jakob Hüfner (72 Jahre jung, verwitwet) nur zu gut. Der Ex-Kaffeefabrikant trägt Fliege, zitiert bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Goethe und trifft sich jede Woche mit seinem Männerchor-Kollegen Matthias auf zwei Bierchen im Bremer Ratskeller. Mit der Eintönigkeit des Alltags ist es plötzlich vorbei, als Sohnemann Lukas mit einer Bitte daherkommt: Jakob soll eine Million Euro Schwarzgeld in die Schweiz schmuggeln. Die geheime Aktion ist eine Wiedergutmachung dafür, dass Jakob seine Familie einst in den finanziellen Ruin gestürzt hat. Also macht er sich auf den Weg nach Lugano am idyllisch gelegenen Lago Maggiore. Mit von der Partie sind Jakobs ahnungsloser Freund Matthias, Kriminalbeamter und stolzer Wohnwagen-Besitzer, sowie der ausgemusterte Polizeihund Eddie.

Unverhofft treffen sie unterwegs auf die betagte Opernsängerin Tilda, die etwas orientierungslos wirkt. Und auf die junge Straßenmusikantin Alex, die ein gefährliches Geheimnis hütet. Alex ist nach einer traumatischen Nacht, die einen Mann das Leben kostete, auf der Flucht. Jakob und Tilda spielt sie das naive Schulmädchen vor, das vom Reisebus bei der Weiterfahrt vergessen wurde. Einzig Matthias ahnt, dass das Mädchen jede Menge Ärger bedeuten könnte. Und damit liegt er gar nicht so schlecht. Schleppt sie nämlich nicht nur ihre geliebte Gitarre mit sich herum, sondern außerdem eine sorgsam im Rucksack versteckte Pistole. Dumm nur, dass sie mit der überhaupt nicht umzugehen versteht. Und noch dümmer, dass eine Motorradgang hinter Alex her ist. Am dümmsten allerdings, dass Alex zufällig Jakobs Geld findet und sich mit diesem vom Staub macht.

Und ehe es sich Jakob versieht, ist die Sch... ordentlich am Dampfen. Er legt sich mit zwielichtigen Bikern an, macht einen auf Nachwuchs-Kommissar und avanciert vom Babysitter zum Freund fürs Leben. Aber nicht nur für ihn gestaltet sich die Fahrt in den Süden zu einer abenteuerlichen Reise, die das bunte Quartett unfreiwillig zusammenschweißt ...

Unterhaltung der herrlichst amüsanten, außerdem turbulenten Sorte - bei der Lektüre von Marlies Ferbers Romanen kommt Langeweile zu keinem Satz auf. Auch 'Wohin die Reise geht' ist ein richtig toller Spaß, überrascht aber auch mit ziemlich viel Tiefgang. Hier hat man ab der ersten Seite ein extrabreites Lächeln auf den Lippen, grinst noch mehr als ein Honigkuchenpferd. Solch ein Vergnügen verbreitet beste Laune über viele, viele Stunden, sogar Tage lang. Die deutsche Autorin ermöglicht dem Leser eine Auszeit vom Alltag und sämtlichen Stress und Sorgen. Ihre Romane sind der erholsamste Kurzurlaub, den man lesend verbringen kann. Und der vorliegende ist darüber hinaus ein äußerst wirksames Antidepressivum im Bücherregal. Da hat eine Laus auf der Leber nicht einmal den Hauch einer Chance. Denn was hier zwischen zwei Buchdeckeln steckt, das fetzt!

Um für ein paar Stunden lang dem Leben zu entfliehen, gibt es kaum etwas Besseres als die Bücher von Marlies Ferber. Diese haben den Überraschungseffekt einer Wundertüte, darüber hinaus Knalleffekt eines Sektkorkens: Trotz des Klappentextes weiß man nicht, was in diesen steckt. 'Wohin die Reise geht' ist zum Quietschen komisch, lässt es aber auch an berührenden Momenten nicht fehlen. Hier geht´s echt ab. Einfach nur wunderbar und schön verrückt!

Susann Fleischer 
29.03.2021

 
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Das Buch:

Marlies Ferber: Wohin die Reise geht

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Mnchen: dtv 2021 288 S., 15,90 ISBN: 978-3-423-26267-5

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