Romane

"Wer wrde glauben , da so etwas mglich ist in Boston?" ,

"Wer würde glauben, daß so etwas möglich ist - in Boston?", so der ursprünglich geplante Titel des bereits 1968 zuerst erschienenen, in den USA kürzlich neu aufgelegten und nun in neuer Übersetzung vorliegenden Romans "In Boston?". Russell H. Greenan beweist, dass vieles möglich ist, indem er ein Feuerwerk der Erzählkunst entfacht und aus Sicht des Ich-Erzählers Alfred Omega eine so skurrile Geschichte entspinnt, die sich inmitten dieser Stadt in der Kunstszene abspielt, dass man geneigt ist zu glauben, die Erlebnisse des hochbegabten Malers seien real.

Alfred Omega, ein in der Technik der alten Meister ausgebildeter und hierin sehr versierter, aber bisher wenig erfolgreicher Maler, trifft auf den Kunsthändler Victor Darius, der ihn für seine Zwecke einspannt, ohne dass der Künstler die Folgen dieser Begegnung absieht… Zudem hat Omega die außergewöhnliche Eigenschaft von einem Moment zum nächsten in Tagträume zu verfallen, die ihn zu den verschiedensten Orten der Gegenwart und der Vergangenheit führen. Der Protagonist selbst sieht diese "Versetzungen" als "Folge einer außergewöhnlichen Steigerung [s]eines Wahrnehmungsvermögens", die insbesondere dann in Erscheinung tritt, wenn er im Bostoner Public Garden sitzt. Somit verbringt er dort auch einen großen Teil seines Tages und trifft hier auch im realen Leben eine Reihe von zum Teil grotesk wirkenden Personen, mit denen er teilweise recht absurde Gespräche führt. So sind auch in den gesamten Roman Gedanken über das Wesen von Kunst, Künstler und Gott integriert, mit dem sich der Protagonist intensiv auseinandersetzt. Eines Tages fällt ihm auf seiner Suche nach Gott ein merkwürdiges Buch in die Hände und das Unheil nimmt seinen Lauf…

"Selbst das erhabenste aller Bücher, das Lexikon, findet seinen Rhythmus erst, wenn man es bis zur Mitte vorgeblättert hat." – so reflektiert der Ich-Erzähler nach den ersten 140 von 372 Seiten. Zum Glück lässt sich dieses Urteil nicht auf den vorliegenden Roman übertragen, der vor allem in erzähltechnischer Hinsicht von Anfang bis Ende als sehr ausgefeilt zu bezeichnen ist. Da Alfred Omega, der Ich-Erzähler, Ereignisse aus früheren Jahren erzählt, ist er in der Lage, Andeutungen über später stattfindende Begebenheiten einzuflechten und sein eigenes Verhalten zu kommentieren, was zur Spannungssteigerung beiträgt und beim Lesen eine gewisse Erwartungshaltung weckt: "Später sollte ich diese harmlos wirkenden Kristalle für ernstere Zwecke einsetzen – aber das wusste ich noch nicht." Zudem erfolgen die Erzählungen nicht immer chronologisch, es finden sich interessante Zeitsprünge in den Rückblicken, die eine verschachtelte Handlung ergeben und die Spannung über die Kapitelausgänge und die nachfolgenden Kapitel hinaus tragen. In den rhetorisch sehr gelungenen Überlegungen des Erzählers spricht dieser weiterhin von einem "Kuddelmuddel von Banalitäten" auf den ersten 140 Seiten. Doch ist es gerade die Parallelität der Erzählstränge, die eingeflochtenen Berichte über seinen Freund Benjamin Littleboy und andere, zum Teil satirisch verzerrt wirkende Personen der Romanhandlung, die beim anfänglichen Lesen die Frage aufkommen lassen, wohin die Handlung führen mag, somit die Spannung erhöhen und schließlich auch in einem ereignisreicheren zweiten Teil zusammengeführt werden und in ihrer Gesamtheit einen Sinn ergeben.

In ihrer Zusammenschau bieten die Erlebnisse von Alfred Omega und seiner beiden Freunde Leo Kerner und Benjamin Littleboy eine temporeiche Geschichte mit einerseits witzigen, ironisch gezeichneten, aber auch tragischen Charakteren. Alfred Omega - ein Mann, dessen Nachname mit dem letzten Buchstaben des griechischen Alphabets ein Ende markiert, der aber auch einen gewissen Widerstand zum Ausdruck bringt, zieht man die Bedeutung des Einheitenzeichens "Omega" in der Physik hinzu. Und so wird man im vorliegenden Roman keine Person finden, in deren Name sich nicht ein Teil ihrer interessanten Persönlichkeit offenbart.

Claudia Birk-Gehrke
03.03.2008

 
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Das Buch:

Russell H. Greenan: In Boston?

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Mnchen: SchirmerGraf 2007
378 S., 19,80
ISBN: 978-3-86555-045-3

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