Romane

Deutsch-amerikanische Familiengeschichte

Nele Niebuhr, eine ca. 30jährige Turnschuhdesignerin, befindet sich nach einer gescheiterten Beziehung auf dem Rückflug aus den USA nach Deutschland. Während der Atlantiküberquerung gerät sie mit ihrem Sitznachbarn, einem älteren Herrn, ins Gespräch - diese Unterhaltung des ungleichen Paares bietet die Rahmenhandlung für eine Familiengeschichte, die dem Leser bruchstückhaft dargeboten wird und die bis zum Zweiten Weltkrieg zurückreicht.

Neles Mutter ist Tochter eines ihr unbekannten schwarzen Soldaten und einer Berliner Hutmacherin, hat immer unter ihrer Herkunft gelitten, aber nie gewagt, nach ihrem Vater zu fragen. Erst vor dem Tod der Großmutter hat diese ihre wahren Erlebnisse auf Tonband festgehalten. Diese Erzählungen hat Nele, die fünf Jahre in den USA lebte, dort gehört und auch dort ihren Großvater gefunden. Doch die Geschichte der Hutmacherin und des Besatzungssoldaten ist gleichzeitig die Geschichte eines verschwundenen Degas-Gemäldes, das der Großvater in der Nachkriegszeit in einem Stollen fand – Beutekunst. Während sich Nele in den USA auf Spurensuche begibt, wird derzeit in Deutschland die Beziehung von Neles Mutter Evi zu ihrem Mann Bernhard auf eine harte Probe gestellt.

Über die Familiengeschichte hinaus hat sich Larissa Böhning überzeugend mit der deutsch-amerikanischen Beziehung vom Zweiten Weltkrieg bis heute auseinandergesetzt.

Vor allem die Rahmenhandlung und die Parallelität mehrerer Erzählstränge, dargeboten in auktorialer Erzählhaltung, lassen den Roman erzähltechnisch sehr gelungen erscheinen. Das Motiv der "Lichten Stoffe" wird facettenreich aufgegriffen, sei es in Form philosophisch anmutender Fragen, zum Beispiel bezüglich der Stofflichkeit einer Idee oder der Bedeutung des Lichts, in so gegenständlichen Dingen wie dem dünn gescheuerten Hosenknie eines Protagonisten oder schlichtweg der Darstellung der Liebe als ein "lichter Stoff" – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Diese beständige Wiederkehr des Motivs wirkt zwar stellenweise zu bemüht, doch erzählt Larissa Boehning insgesamt sprachlich sehr ansprechend, wenn sich auch die im Klappentext erwähnte "biegsame und leuchtende" Sprache machmal in einem "Zurechtbiegen" zeigt, um möglichst häufig einen Bezug zum Titel herzustellen.

Claudia Birk-Gehrke
18.02.2008

 
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Das Buch:

Larissa Boehning:
Lichte Stoffe

Bild: Buchcover Larissa Boehning, Lichte Stoffe

Frankfurt am Main: Eichborn 2007
324 S., € 19,95
ISBN: 978-3-8218-0737-9

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