Romane

Heimsuchung und Heimsuche - Erpenbecks poetischer Geschichtsroman

Ein Ufergrundstück gibt die Bühne, seine wechselnden Bewohner, Besucher, Besitzer und Besetzer sind die Personen von Jenny Erpenbecks neuem Roman «Heimsuchung». Die 1967 geborene Regisseurin und Autorin spiegelt Umbruch, Vertreibung, Judenverfolgung, Zusammenbruch, kommunistische Diktatur und Wiedervereinigung, kurz: die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts im stillen Wasser eines märkischen Sees. Seine Oberfläche wirft indes kein historisches Lehrstück zurück, sondern reflektiert so episch wie poetisch die menschliche Suche und Sehnsucht nach Heimat.

Die Zeiten gehen über das Land hinweg, und das Land geht durch viele Hände. Der Reigen beginnt in der agrarischen, von festgefügten Bräuchen beherrschten Welt des Großbauern, die sich bald auflöst, als dessen Töchter in der Zeit der Weimarer Republik das Gut parzellieren, damit Städter dort ihre Ferienhäuser errichten können.Ein Architekt baut Zaun an Zaun mit einem jüdischen Fabrikanten und kann dessen Anwesen günstig übernehmen, als der Nachbar von den Nazis vertrieben wird. Ein paar Jahre später muss der Architekt selbst - vor dem DDR-Regime - fliehen. Neue Bewohnerin wird eine aus dem Exil heimkehrende Schriftstellerin. Nach ihrem Tod verfällt das Haus, das mit der deutschen Einheit zum juristischen Zankobjekt geworden ist.   So ist der See gemeinsamer Fluchtpunkt der von Kapitel zu Kapitel wechselnden Perspektiven, in Gedanken präsent noch am Ende der Welt.Der jüdische Fabrikant trägt die Bilder der Vergangenheit mit sich bis nach Südafrika, wo er sich eine neue Existenz aufbaut. Seine Nichte Doris nimmt die Erinnerung mit ins Warschauer Ghetto. «Nichts Schöneres, als mit offenen Augen zu tauchen», denkt die Zwölfjährige, als sie die Kugel des deutschen Erschießungskommandos trifft.

Die Mitglieder der jüdischen Familie gehören zu den wenigen Figuren, denen die Autorin Namen gibt. Die meisten tragen nur Funktionsbezeichnungen wie «der Gärtner», «der Rotarmist», «die Frau des Architekten» - als wolle Erpenbeck unterstreichen, dass es ihr nicht um individuelle Einzelschicksale geht, sondern um exemplarische Geschichten, in denen sich politische Geschichte konkretisiert.   Vor deren Heimsuchung bietet kein noch so idyllischer Flecken Erde Zuflucht oder Versteck. Erpenbeck macht ihre Figuren zu Opfern des Verrats, den der eigene Körper begeht. Ein Rascheln hinter der doppelten Wand führt den Rotarmisten zur Frau des Architekten; und die deutschen Soldaten finden die im Schrank verborgene Doris, weil sie ihren Urin nicht mehr halten konnte und der «auf dem Küchenfußboden einen kleinen See gebildet» hat.

In dieser metaphorischen Verknüpfung zwischen Ausscheidungsprodukt und symbolischem Zentrum der Erzählung scheint das Gewebe aus Anspielungen und Motiven durch, das die Autorin wie ein Koordinatennetz über den Text legt. Unsichtbar, weil ganz im Fluss konzentrierter Prosa aufgegangen, bleibt dagegen die gewissenhafte Recherchearbeit, die in den knapp 200 Seiten steckt. In ihrer Danksagung zählt Erpenbeck am Ende die Archive auf, in denen sie Akten, Briefe, Fotos und Filme ausgewertet hat. So beeindruckt «Heimsuchung» nicht nur mit dichterischer Imagination, sondern auch mit historischer Authentizität.

Wolfgang Harms, dpa
18.02.2008

 
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Das Buch:

Jenny Erpenbeck:
Heimsuchung

Bild: Buchcover Jenny Erpenbeck, Heimsuchung

Berlin: Eichborn 2008
192 S., € 17,95
ISBN: 978-3-821-85773-2

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