Romane

Ein Mrchenroman, der den Leser gruseln lsst auf die beste Art und Weise

Vordergründig ist "Der Rabenturm" von Fritz Aschenbrenner ein gruseliger Märchenroman - eine wahre Wonne für alle, die in Hochstimmung versetzt werden, wenn es ihnen heiß und kalt den Rücken herunterläuft. Hintergründig werden grundlegende Mechanismen sowie grundsätzliche Prinzipen des menschlichen Daseins präsentiert und propagiert; sei es die klassische Gegenüberstellung von Gut und Böse, die Vermittlung von Werten und Tugenden oder das Kausalitätsprinzip von Belohnung und Gerechtigkeit bei guten Taten sowie lobenswertem, ehrenhaftem Verhalten versus Strafe und Verdammnis bei bösen Taten sowie unehrenhaftem, verwerflichem Verhalten.

Allerdings distanziert sich der Autor von einer allzu krassen Schwarz-Weiß-Malerei und zeichnet weniger "Typen" ("flat characters"), wie es für zahlreiche Märchen typisch ist, als vielmehr Individuen ("round characters"). Dies wird besonders am Beispiel des Bertram deutlich, dem sowohl negative als auch positive Charaktereigenschaften innewohnen, was ihn umso "humaner" erscheinen lässt und infolgedessen eine wesentliche Steigerung des Identifikationspotenzials zwischen Figur und Leser bewirkt. Aus eigenem Antrieb (nicht mittels magischer Kräfte!) entscheidet sich Bertram letztendlich für das Gute. Ergo: Wir sind nicht hilflos irgendwelchen (über-)irdischen Mächten, unserer Genetik, unserer Herkunftsfamilie oder dergleichen "ausgeliefert", die uns zwangsläufig "determinieren" und (vorher-)bestimmen, welchen Weg wir einschlagen. Genauer gesagt ist jeder - mehr oder weniger - seines Glückes Schmied und kann mittels seines freien Willens selbst entscheiden, auf welche Seite er sich schlagen möchte.

Nichtsdestotrotz hat der Verfasser auch Verständnis für diejenigen, die auf die "schiefe Bahn" geraten. Weitsichtig - ohne Scheuklappen - und verständnisvoll weist er auf die (Hinter-)Gründe hin, die jemanden unter gewissen Umständen ins "Abseits" führen können: "Andererseits konnte er sehr gut verstehen, dass Menschen im harten Lebenskampf sich zu so einer Untat hinreißen ließen. Sich in einer schweren Notlage befindend, aus der sie weder aus noch ein wussten, sahen sie in ihrer Verzweiflung als letzte Ausflucht nur noch den Weg des Verbrechens."

Ein ganz großes Thema - wie im realen Leben auch - ist auch hier die Liebe. Dabei ist der Blick des Autors keineswegs romantisch-verklärt; ganz im Gegenteil! Fritz Aschenbrenner wirft einen Blick "hinter die Kulissen" - und zwar ohne rosarote Brille: "So erfüllt die Liebe nur den Zweck, die eigenen Bedürfnisse zu stillen, wohingegen eine uneigennützige Liebe, die sich aus Verbundenheit im gemeinsamen Leid allen Lebewesen zuwendet, höchst selten anzutreffen ist. So wird auch die Liebe zwischen Mann und Frau vordergründig von Egoismus bestimmt. Der Naturtrieb fordert vom Lebensgefährten vollste Befriedigung. Erlangt er oder sie diese nicht, so wird das Interesse am Lebensgefährten immer mehr abnehmen, bis er oder sie ihn bzw. sie schließlich verlässt, um in den Armen eines anderen/einer anderen die Erfüllung seiner bzw. ihrer Wünsche zu finden."

Eine wahrlich ernüchternde Erkenntnis! Nun, was macht dann "wahre Liebe" aus? Gibt es sie überhaupt? Auch hierzu nimmt der Verfasser Stellung, getreu der literarischen Gattung vermittels einer seiner Figuren, die ihm stets als "Sprachrohr" seiner Ansichten und Einsichten dienen: "Wahre Liebe ist in erster Linie auf das Wohlergehen des bzw. der Geliebten gerichtet und stellt die Belange der eigenen Person hinten an. […] Bei der wahren Liebe gibt sich der Liebende uneigennützig ganz dem/der Geliebten hin, ohne Besitz von ihm bzw. ihr ergreifen zu wollen, einzig und allein aus dem Grund, ihn bzw. sie glücklich zu machen."

In diesem Zusammenhang wird auch gleich eine weitere brisante Thematik beleuchtet: unsere Leistungsgesellschaft, die - so bitter dies auch klingen mag - noch nicht einmal vor der Liebe haltmacht, und ich wage zu behaupten, dass dieses Phänomen gar ein globales ist, von dem keine Nation, keine Kultur, kein Land - unabhängig von seiner wirtschaftlichen Lage - verschont bleibt: "So machten der Wettbewerb und die Jagd nach Selbstbewusstsein, die durch den auf dem Leben in der Gemeinschaft lastenden Leistungsdruck hervorgerufen wurden, auch vor der Liebe nicht halt und bezogen sie mit ein. […] Auch sie [die Frauen] waren gezwungen, zu kämpfen, um in der Leistungsgesellschaft zu bestehen. Waren sie hierbei den Männern an Kraft auch unterlegen, so wussten sie dennoch gezielt ihre Waffen einzusetzen, indem sie die Männer mit ihrem Liebreiz betörten und sie mit den Verlockungen der Liebe für sich einnahmen."

Vor diesem Hintergrund scheint Jonathan die beste Wahl getroffen zu haben: Er entzieht sich jeglicher verbindlichen Liebesbeziehung und hat dadurch die Möglichkeit, seine Freiheit und seine Unabhängigkeit zu leben - uneingeschränkt und grenzenlos. "Eine feste Bindung kam für ihn nicht infrage. Wurde er gewahr, dass sich irgendjemand ernstlich bemühte, ihn fest an sich zu binden, so löste er sich, bevor er gefesselt war und sich nicht mehr von den Fesseln befreien konnte. Eine feste Bindung zu schließen, bedeutete für ihn, sich in Gefangenschaft zu begeben. Eingeschlossen in eintöniger Gleichmäßigkeit, würde sich sein Geist beengt fühlen und im regelmäßig wiederkehrenden Tagesablauf immer mehr abstumpfen. Sein Geist brauchte aber grenzenlose Freiheit, damit er, gleich einem Vogel, auf leichten Schwingen dahingetragen, an jeden beliebigen Ort gelangen konnte."

Ein Leben ohne Liebe? Ohne Glückserleben? Eine Entsagung sinnlicher Genüsse? - Mitnichten! "Sein [Jonathans] Geist beanspruchte grenzenlose Freiheit, damit es ihm möglich war, die Weiten der Welt zu durchmessen und alles in ihnen zu erkennen. Mit allen Lebewesen gedachte er sich in Liebe zu vereinen, auf dass sie ihm ihr Herz ausschütten mochten. Das Verschmelzen seiner Seele mit der Seele einer schönen Blume oder eines greisen Baumes mit zerfurchter Rinde bedeutete dabei für ihn ein größeres Glückserlebnis als ein Liebesakt."

Soll das nun etwa heißen, dass Jonathans Lebensform als DIE Lösung aller Probleme zu betrachten ist, sozusagen als "Quintessenz" dieses Märchens? - Mitnichten! Genauso wenig wie sich der Verfasser einer Schwarz-Weiß-Malerei unterwirft, genauso wenig präsentiert er Jonathans Lebensweise als "Maß aller Dinge". Wie im klassischen Märchen schließen Bertram und Isabella am Ende den Bund fürs Leben und erhalten hierfür den wohlwollenden Segen von Isabellas Vater, der ihnen auch in materieller Hinsicht ein gutes, langes Leben verheißt. Damit bestätigt sich wiederum das Postulat der Individualität und somit der Vielfalt und der Reichhaltigkeit menschlichen Daseins, ohne dabei dessen Grundprinzipien und natürliche Gesetzmäßigkeiten auszublenden.

Alexandra Eryigit-Klos 
06.07.2020

 
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Das Buch:

Fritz Aschenbrenner: Der Rabenturm

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Offenbach am Main: August von Goethe Literaturverlag 2020 170 S., 15,80 ISBN: 978-3-8372-2340-8

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