Romane

Grandioseste Literatur, die die Sinne betrt und den Leser ganz schwindelig macht

Zwei Orte gibt es, die für Elise Heimat bedeuten: Paris, wo sie seit über 20 Jahren eine kleine Boutique im Montmartre führt; und Peleroich, das verschlafene Dorf an der mecklenburgischen Ostseeküste. Hier wächst sie in den 60er Jahren auf, hier lernt sie Henning und Jakob kennen, die beiden Lieben ihres Lebens. Henning, der Fels in der Brandung, den sie seit Kindertagen kennt, Jakob, der Frauenschwarm, der Künstler werden will und wie sie davon träumt, einmal den Eiffelturm zu sehen. Eine fatale Dreiecksbeziehung voller Geheimnisse - bis Jakob eines Tages spurlos aus Elises Leben verschwindet. Als Elise nach vielen Jahren in ihr Heimatdorf zurückkehrt, taucht sie tief ein in ihre eigene Vergangenheit und in die Geschichte von Peleroich, wo ihre Eltern sich kurz nach Gründung der DDR kennenlernen.

In Peleroich ticken die Uhren noch anders. Das Dorf ist klein, ein wenig verschlafen und komplett unbeeindruckt von dem, was in der Welt vor sich geht. Salzige Ostseeluft weht vom Meer herüber und der Duft frischer Bratkartoffeln aus dem Kastanienhof, wo man sich abends auf ein Bier trifft. Hier beginnt die Liebe von Karl und Christa. Das junge Paar geht gerne am Meer spazieren oder im Wald, den Karl so sehr liebt. Seit er denken kann, träumt er davon, Förster zu werden. Aber die Partei zwingt ihn zu einer Arbeit als Kanalarbeiter. Karl lehnt sich auf, allerdings ohne Erfolg. Mit der Geburt von Tochter Elise ändert sich für Karl alles. Er wird alles tun, um seine Familie zu schützen. Diese ist für ihn vom höchsten Wert. Für Christa und Elise ist er sogar zu Kompromissen bereit, zumindest zum Schein.

So vergehen die Jahre in vermeintlicher Dorfharmonie. Und trotzdem: Karl gibt nicht auf. Er und auch Elise kämpfen, nicht nur für ihr Glück, sondern noch mehr für ihre Freiheit von der Sowjetdiktatur. Da bricht ein Unglück über Elises Leben herein. Ihr Vater fällt von der Leiter und stirbt kurz darauf an einer Kopfverletzung. Elise und Christa zerbrechen fast an ihrem Kummer, aber das Leben geht weiter. Elise wird selbst Mutter, hat mit Henning ihre große Liebe gefunden. Bis er in die Nationalarmee eingezogen wird und sie ihrem guten Freund Jakob gefährlich nahe kommt. So nimmt das Drama seinen Lauf ...

Literatur voller Emotionen und verführerischer Sprache - Anja Baumheier schreibt mitreißend, leidenschaftlich, betörend und fesselnd bis zum letzten Satz. Die Romane aus ihrer Feder berauschen einen regelrecht, mehr als alles andere. Mit "Kastanienjahre" bekommt man Lesegenuss pur in die Hände. Zudem zeugt die Story von einer hohen historischen Authentizität. Da glaubt man sich ab der ersten Seite tatsächlich mitten im Geschehen, als wäre man zu Besuch in der DDR der 1950er bis zum Ende 1980er Jahre. Die deutsche Autorin erzählt vom alltäglichen Leben der DDR-Bürger und verwebt es mit einer dramatischen Liebe. Ihre Worte haben eine Sogkraft, der man sich partout nicht entziehen kann. Solch ein Lektürehighlight gelänge nur den wenigsten, höchstens noch einem Peter Prange. Einfach nur zum Niederknien!

Anja Baumheier ist eine Schriftstellerin, von der man unbedingt mehr lesen möchte. Ihre Erzählkunst macht einen ganz atemlos. "Kastanienjahre" ist ein Geschenk im Bücherregal, noch dazu ein äußerst seltenes und damit wertvolles. Diese Geschichte unterhält den Leser nicht nur aufs Grandioseste, sondern gibt darüber hinaus das Lebensgefühl der zweiten Generation Ostdeutschland en détail wider. Ein Stück Zeitgeschichte, literarisch kostbar und auf höchstem Niveau!

Susann Fleischer 
02.06.2020

 
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Das Buch:

Anja Baumheier: Kastanienjahre

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Reinbek: Wunderlich Verlag 2019 416 S., 20,00 ISBN: 978-3-8052-0756-0

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