Romane

Enzensberger, Hitler und Generäle: «Hammerstein oder der Eigensinn»

Hans Magnus Enzensberger (78) gehört zu den seinerzeit schon etwas älteren meinungsbildenden Intellektuellen der 68er Jugend- und Studentenrevolte, die auch gegen das weit verbreitete Schweigen der Elterngeneration über die Hitler-Zeit aufbegehrte. 40 Jahre nach jenem Schlüsseljahr 1968 hat der Lyriker, Schriftsteller, Essayist und belesene Gesellschaftskritiker sich mit seinem neuen Buch «Hammerstein oder Der Eigensinn» (Suhrkamp) einem Mann des preußischen Adels und des Militärs der Weimarer Republik und der Hitler-Zeit zugewandt, dem die Historiker bisher weniger Aufmerksamkeit widmeten.

Es handelt sich um den preußischen Karriere-General Kurt von Hammerstein-Equord, der als Chef der Reichswehr seinen Abschied nahm, nachdem Hitler 1933 seine Weltkriegspläne in einer Geheimrede vor den Generälen früh offengelegt hatte. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Hammerstein noch einmal kurz reaktiviert und bald erneut in den Ruhestand versetzt. Er starb 1943 in Berlin an Krebs. Seine Söhne Kunrat und Ludwig von Hammerstein, in der Nachkriegszeit Publizist und Intendant des Berliner Rundfunks im amerikanischen Sektor (RIAS), beteiligten sich am Putschversuch gegen Hitler am 20. Juli 1944.

Der Vater blieb als Handelnder ein Zauderer und ambivalent, mit Affinitäten gegenüber dem russischen Militär, während seine Kinder sich später aktiv dem Widerstand anschlossen oder für die russische Seite arbeiteten. Diese Verbindungen nach Russland bis hin zu Einzelheiten der mörderischen «Säuberungen» Stalins in den eigenen Reihen nehmen einen ausführlichen Platz in dem Buch ein.

Dabei wollte Enzensberger kein reines Sachbuch schrieben, aber eben auch keinen Roman, wie er im Nachwort versichert. Die Absage an den Roman bedeute nicht, dass diese Arbeit wissenschaftliche Ansprüche erhebt, meint der Autor im Vorgriff auf prompt auch aufgetretenes «Stirnrunzeln» mancher Historiker. «Das, was ich durch schriftliche und mündliche Quellen belegen konnte, wollte ich von meinen subjektiven Urteilen trennen, die hier in Gestalt von Glossen erscheinen. Ergänzend habe ich mich der ehrwürdigen literarischen Form des Totengesprächs bedient.»

Enzensberger Methode ist nicht unproblematisch: Er mixt historische Fakten - dank eigener und anderer Helfer Fleißarbeit, die er im Nachwort ebenso wie die Familienangehörigen hervorhebt, die ihm ihre Archive zugänglich machten - mit fiktionalen Elementen und essayistischen Reflexionen. Dabei wird bei allem Bemühen Enzensbergers um genaue Quellenzitate nie so recht deutlich - immerhin ein Schlüsselaspekt des Buches -, was Hammerstein eigentlich gegen Hitler in dessen Anfangszeit beim Griff nach der Macht konkret einzuwenden hatte.

Ihm passte wohl «der ganze Typ» nicht so recht, aber handfeste Einwände, die schon damals das Militär hätten einschreiten lassen können, hatte er nicht - außer dass Hammerstein wie viele andere aus dem Adel in Hitler einen Wirrkopf sahen, was ja einerseits stimmte, andererseits aber auch eine gefährliche Vereinfachung war. Vor allem aber hatten sich Hammerstein und andere an der Spitze der Reichswehr auf das Wort des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg verlassen:«Sie werden mir doch nicht zutrauen, meine Herren, dass ich diesen österreichischen Gefreiten zum Reichskanzler berufe.» Schon am 30.Januar 1933 war es soweit.

Einen Bürgerkrieg wollte Hammerstein wie die meisten Generäle nicht, die auch spürten, dass Hitler von einer breiteren Schicht der Bevölkerung getragen wurde. Von besonderem «Eigensinn» ist also bei Hammerstein doch weniger zu spüren, eher die damals offenbar weit verbreitete Hilflosigkeit und Passivität in führenden Militärkreisen, soweit sie nicht sogar zu Sympathisanten des NS-Regimes gehörten - gegenüber dem «Phänomen» Hitler. Nach Ansicht von Enzensbergers Kollege Rolf Hochhuth («Der Stellvertreter») handelte die Generalität seinerzeit auch erst, «als sie merkte, der "Führer" bringt die Rote Armee auf ihre Rittergüter», wie Hochhuth in seinem Plädoyer für ein Denkmal des Hitler-Attentäters vom Münchner Bürgerbräukeller 1939, Johann Georg Elser, meinte. Und Enzensberger schreibt dazu in seinem Buch: «Für die Motivation des militärischen Widerstandes hat der Mord an den Juden erst sehr spät Bedeutung erlangt.»

Wilfried Mommert, dpa
11.02.2008

 
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Das Buch:

Hans Magnus Enzensberger:
Hammerstein oder Der Eigensinn

Bild: Buchcover Hans Magnus Enzensberger, Hammerstein oder Der Eigensinn

Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2008
375 S., € 22,90
ISBN: 978-3-518-41960-1

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