Romane

Nichts ist banal: Chadwicks «unauffälliger Mann» zeigt uns das Leben

Mag jemand 928 Seiten über einen «unauffälligen Mann» lesen? Wenn Charles Chadwick (75) diesen Mann beschreibt, dann schon. Das ist das Auffälligste an Chadwicks Debüt-Roman - wie sein Anti-Held Tom Ripple, der unterkühlte, distanzierte, konformistische Brite mit den unerträglichen Witzen es schafft, Sympathien zu gewinnen. Zumindest die Sympathien der Leser, die nicht schon bei den ersten Kapiteln gelangweilt oder gar verärgert ausgestiegen sind.

Denn Chadwick setzt nicht auf bewährte Rezepte. Eine packende oder wenigstens eine unterhaltsame Geschichte? Ein Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Seite? Eine große Liebe, eine Tragödie, ein Kriminalfall? Fehlanzeige. Wer am Ende des Buches ankommt und den Abschied auch noch schade findet, reibt sich verwundert die Augen.

Es ist nicht leicht zu erklären, was denn so fesselnd ist an Tom Ripple, aber vielleicht liegt das Geheimnis ja gerade darin, dass er das Große übersieht und deshalb Augen hat für das Kleine. Ripple zeigt uns das Leben. Zuerst scheint es, als halte er alles für banal, aber wer ihn kennenlernt, spürt, dass für ihn nichts so banal ist, als dass er es nicht für beschreibenswert hielte.

Ripple, Angestellter in der Import-Export-Abteilung eines Konzerns, verheiratet, zwei Kinder, Haus mit Hypothek, scheint ein ganz und gar uninteressanter Mann zu sein. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zu fast allen anderen Menschen: In den 70er Jahren beginnt er aufzuschreiben, was er sieht. Und auch, was er zu sehen glaubt. Wie seine Nachbarn in London ihm scheinen, wie sie dann wirklich sind, wie er leidet unter seiner perfekten Frau.

Ripple schreibt, als sei er völlig passiv, als werde er gelebt, als habe er nichts damit zu tun, dass seine Frau ihn verlässt, dass ein Nachbar seinen Sohn sexuell belästigt, dass sein Kollege aus der Firma fliegt. Aber gerade diese Distanz verhilft ihm dazu, immer wieder Anteil zu nehmen.

Über einen Postbeamten sagt er: «Er grüßt immer freundlich und lässt eine Bemerkung übers Wetter fallen. Er bummelt nicht herum. Er hat bis jetzt kein Interesse daran gezeigt, was ich in meinem Leben gemacht habe. Er ist, kurz gesagt, ein idealer Nachbar, völlig ohne jede Spur von Nachbarlichkeit.»

Aber Ripple selbst ist kein solcher Nachbar. Er nimmt Anteil. An seinen Kindern, am Schicksal einer Tänzerin, am Leben einer Jüdin, die er zur Spurensuche nach Polen begleitet. Und er seziert gnadenlos jedes Sinnangebot: «Warum sollte man über das ewige Leben nicht dieselben Fragen stellen wie über das jetzige?» Und bleibt nicht destruktiv, sondern überrascht mit einem eigenen Angebot: «Wenn ein übernatürliches Leben dem unseren einen Sinn gibt, dann heißt das kaum mehr, als dass ein natürliches Leben das ebenso tun sollte.»

Die Zeit, die Ripple im Roman beschreibt, fällt zusammen mit den 30 Jahren, die Chadwick an diesem Roman arbeitete. Das könnte den Verdacht aufkommen lassen, Chadwick schreibe über sich selbst. Aber das ist nicht so. Chadwick war kein Händler, der sein Leben fast nur in England verbrachte, er arbeitete für das britische Kulturinstitut in Kenia, Nigeria, Brasilien, Kanada und Polen.

«Wir haben nichts gemeinsam, was unseren Hintergrund oder unsere Ausbildung angeht», sagt Charles Chadwick über seine Figur. Aber dieser Tom Ripple habe ihn nie losgelassen, alle paar Jahre habe er sich gefragt, was wohl inzwischen passiert sein, welche Menschen Ripple getroffen, wie er sich verändert haben könnte. Einen großen Spannungsbogen konstruierte er dafür nicht: «Lebensgeschichten haben keine Strukturen oder Handlungen - das sind mythische Tricks.»

Jürgen Hein, dpa
12.01.2008

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Charles Chadwick:
Ein unauffälliger Mann

Bild: Buchcover Charles Chadwick, Ein unauffälliger Mann

München: Luchterhand
928 S., € 24,95
ISBN: 978-3-630-87211-7

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.