Romane

Vanora Bennetts Roman über zwei große Männer der Renaissance

Ein guter historischer Roman ist weit mehr als eine Liebesgeschichte vor Mantel-und-Degen-Kulisse. Angesichts der Flut an neuen Titeln sind die Fans dieses Genres verwöhnt. Sie möchten entführt werden in eine andere Epoche, sie wollen eintauchen in den Alltag von damals und wenigstens etwas von dem erspüren, was die Menschen früher gedacht, gesagt und empfunden haben. Vanora Bennett hat mit ihrem «Bildnis einer jungen Frau» ein gutes Buch geschrieben. Denn sie versteht es, die Epoche der frühen Neuzeit wieder auferstehen zu lassen. Die historisch belegte Begegnung zweier berühmter Männer - des englischen Politikers Thomas Morus (1478-1535) und des deutschen Malers Hans Holbein des Jüngeren (1497/98-1543) stehen im Mittelpunkt ihres Sittengemäldes einer Zeit, in der die unumschränkte Macht der katholischen Kirche endgültig ins Wanken geriet.

Im Jahre 1526 kommt Holbein als Gast der Morus-Familie in deren neu erbautes stattliches Haus in Chelsea. Er hat den Auftrag, den engsten Vertrauten des englischen Königs Heinrich VIII. im Kreise seiner Angehörigen zu porträtieren. In Laufe der Zeit fühlt sich Holbein immer mehr in den Bannkreis des charismatischen Staatsmannes hineingezogen. Und auch dessen Ziehtochter Meg fasziniert ihn zunehmend. Zugleich spürt der sensible Künstler die Spannungen zwischen Vater und Adoptivtochter. Die Liebe der jungen Frau zu ihrem Vormund hat nämlich erste Risse bekommen, seit sie erfahren hat, dass der stets gütige Familienvater außer Haus und im Amt mit äußerster Härte gegen vermeintlich Ketzer zu Felde zieht. Überzeugt davon, dass man «Gott nicht in die Hände des Pöbels legen» kann, verwandelt sich der Menschenfreund zunehmend in einen gnadenlosen Verteidiger des «wahren» Glaubens. Für die junge Frau, die nach den humanistischen Idealen erzogen worden ist, bricht eine Welt zusammen, zumal Morus zunächst auch ihre Liebesbeziehung zu dem ehemaligen Hauslehrer John Clement zu verhindern versucht.
Doch schon bald rücken die privaten Sorgen in den Hintergrund.

Denn Morus Einfluss auf den König schwindet ebenso rasch wie dessen Besessenheit von der schönen Anna Boleyn zunimmt. Heinrichs Entschluss, notfalls mit der katholischen Kirche zu brechen, um sich von seiner ersten Frau Katharina scheiden lassen und die Boleyn ehelichen zu können, will Morus nicht mittragen. Seine Entscheidung, als Lordkanzler zurückzutreten, ist am Ende nicht nur sein eigenes Todesurteil, sondern stürzt auch seine Familie ins Unglück.

Vor diesen Hintergrund entwickelt die Londoner Autorin eine glaubwürdige Geschichte von Treue und Verrat, Liebe und Hass, in der Holbein zunächst die Rolle des außenstehenden Beobachters einnimmt, der seine Eindrücke in anspielungsreichen Bildern von der Familie Morus verarbeitet. Doch auch der Maler selbst erweist sich in dem Buch als ein Mann voller Widersprüche, als ein Mensch von sensibler Genialität aber auch roher Verantwortungslosigkeit seiner eigenen Familie gegenüber. Und als ein Mann, der sich politisch nicht festlegen will - vielleicht auch, weil es sich Künstler damals nicht leisten konnten. So hatte der Deutsche, einmal von Morus bei Hofe eingeführt, keine Skrupel, nur ein Jahr nach der Hinrichtung seines Förderers zum königlichen Hofmaler zu avancieren.

Bennett setzt einigen guten Willen ihrer Leser voraus, sich mit der Epoche auseinanderzusetzen. Sie legt - mitunter etwas zu ausführlich - die Gedankenwelt von Thomas Morus und seines Freundes, des Philosophen Erasmus von Rotterdam, dar und beweist, wie tief sie sich selbst in die damalige Zeit hineinzuversetzen imstande ist.

Susanna Gilbert-Sättele, dpa
14.01.2008

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Vanora Bennett:
Bildnis einer jungen Frau

Bild: Buchcover Vanora Bennett, Bildnis einer jungen Frau

Frankurt/Main: Krüger Verlag 2007
493 S., € 19,90
ISBN: 978-3-8105-0249-0

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.