Romane

Zwischen Paranoia und echter Gefahr

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die ein ganzes Leben aus den Fugen bringen. Im neuen Roman des aus Serbien stammenden Autors David Albahari ist es eine Handgreiflichkeit. «Die Ohrfeige» - so der Titel des Werks - beobachtet der namenlose Erzähler am Belgrader Ufer der Donau. Der Schlag eines Mannes auf die Wange einer jungen Frau trifft ihn aus unerfindlichen Gründen im Innersten. Er öffnet ihm die Augen für die geheimen Zusammenhänge dieser Welt. In der Folge wird er in einen Strudel von Verschwörungen, ethnischen Konflikten und religiösen Heilsritualen hineingerissen.

Mit seinem dicht erzählten Roman gelingt Albahari nicht nur ein Stimmungsbild aus dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Ex-Jugoslawien. Darüber hinaus gibt er auch einen Einblick ins Gefühlsleben eines Exilanten. Albahari selbst lebt seit mehr als zehn Jahren in Kanada. Sein Titelheld schreibt ebenfalls aus der Verbannung, und zwischen den Zeilen ist seine Sehnsucht nach der Heimat deutlich zu spüren:«Im Leben trotten wir die meiste Zeit hinter uns her, beobachten nur, was uns zustößt, um hinterher im Schatten einer Eiche oder eines Birnbaumes den verpassten Chancen nachzuweinen.»

Die Tage in Belgrad sind von Langeweile geprägt. Die Romanfigur schlägt sich mit Übersetzungen und einer wöchentlichen Kolumne in der Zeitung «Minut» durch. Abends trifft er sich mit seinem Freund zum Kiffen und Diskutieren, ansonsten versucht er, nicht aufzufallen.

Die Ohrfeige lässt ihn erwachen. Plötzlich sieht er Zusammenhänge zwischen unauffälligen mathematischen Zeichnungen auf Straßen und Häusern mit der jüdischen Geschichte der Stadt und der Kabbala, der mystischen Tradition des Judentums. Gleichzeitig beobachtet er auch einen wachsenden Antisemitismus, gerät selbst ins Visier der Nationalisten. Doch die Elemente fügen sich nicht wirklich zusammen.«Wir leben in einer Zeit, in der das Absurde und das Irrationale ein bislang ungekanntes Ausmaß erreicht haben», schreibt er in seiner Kolumne.

Bis zum Ende wird nicht klar, wo die Grenzen zwischen Paranoia und wirklicher Bedrohung verlaufen, welche Begebenheiten nun zusammengehören oder nur rein zufällig aufeinander folgen. Albahari hält diese faszinierende Schwebe und erzeugt damit eine Unruhe, die sich beim Lesen überträgt. «Ich hatte mir immer vorgestellt, dass Bücher mit Fragen beginnen und mit Antworten enden», lässt er seinen Romanhelden resümieren, «aber bei mir ist das anders, die Fragen häufen sich gegen Ende, und die Antworten sind überall verstreut».

Susanna Gilbert-Sättele, dpa
07.10.2007

 
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Das Buch:

David Albahari:
Die Ohrfeige

Bild: Buchcover David Albahari, Die Ohrfeige

Frankfurt/M.: Eichborn Verlag 2007
367 S., € 22,95
ISBN: 978-3-8218-5785-5

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