Romane

Sittengemälde des Ancien Régimen

Vor weit über zweihundert Jahren hat der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) seine «Bekenntnisse» veröffentlicht, nun liegen auch die Memoiren seines (fiktiven) Bruders vor. «Das Leben des François Rousseau, von ihm selbst erzählt», ein Roman von Stéphane Audeguy, nimmt die Leser zwar mit auf einen strammen Ritt durch das französische 18. Jahrhundert, streift aber nur am Rande das Leben des berühmten Gesellschaftstheoretikers Jean-Jacques Rousseau. Dieser wurde in der Französischen Revolution zur Ikone erhoben und gilt als einer der einflussreichsten Denker seines Jahrhunderts. Im Gegensatz zu ihm kann François Rousseau, die Hauptfigur der Geschichte, als missratener Sohn gelten, der sich früh aus dem calvinistischen Genf verabschiedet hat und sich fortan mit Gelegenheitsjobs und dank etlicher ihm gewogener Frauen durchs Leben schlägt.

Nach einer Uhrmacherlehre verschlägt es ihn in den letzten Jahren des Ancien Régime nach Paris, wo er zunächst als Hausmeister eines Edelbordells arbeitet, dann seine Taler aber mit der Fertigung künstlicher Phalli verdient. «Ich lernte, wie man würdevolle Herren ohne eine Miene zu verziehen bediente, die sich verschämt in irgendwelchen Ausflüchten verloren», erinnert sich der Ich-Erzähler im Rückblick auf sein Leben.

Als er beobachtet, dass «die Franzosen wie nie zuvor einen Narren an den Fortschritten der Mechanik gefressen» haben, geht er daran, einen künstlichen Menschen zu erschaffen und kommt dabei mit einem Kreis freisinniger Intellektueller in Kontakt. Die Runde fliegt auf, François wird in die Bastille befördert. Dort lernt er den von der eigenen Familie ebenfalls hinter dicke Mauern verbannten Marquis de Sade kennen und so sehr schätzen, dass er ihm hilft, sein berüchtigstes Werk «Die 120 Tage von Sodom» vor den Augen der Wachen zu verstecken. 1789 befreien die Erstürmer der Bastille den Gefangenen Rousseau, der fortan beobachten kann, wie sich das revolutionäre Volksfest in eine blutige Schreckensherrschaft verwandelt. Seine letzte Liebe, die Frauenrechtlerin Sophie, überlebt er als Greis und wartet danach voller «Freude über ein vollendetes Leben» auf sein eigenes Ende.

Der Literaturwissenschaftler Audeguy hat seine Geschichte irgendwo zwischen Fakten und Fantasie angesiedelt und erzählt sie in einem der damaligen Zeit angepassten Stil. Sein Sittengemälde der französischen Gesellschaft an der bedeutendsten Wende ihrer Geschichte ist prall und bunt, mal fröhlich, dann wieder überlagert von düsteren Schattierungen. Es ist ein Buch, das bei aller Spannung doch einiges Hintergrundwissen voraussetzt.

Elisabeth Werthern, dpa
03.10.2007

 
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Das Buch:

Stéphane Audeguy:
Das Leben des François Rousseau

Bild: Buchcover Stéphane Audeguy, Das Leben des François Rousseau

München: SchirmerGraf Verlag 2007
296 S., € 19,80
ISBN: 978-3-8655-5043-9

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