Romane

Allendes neuer Historienroman aus Chile

Inés Suárez ist schön, couragiert und eine starke Persönlichkeit. Sie ist sich ihrer durchaus bewusst und zeigt dies auch - Frauen, Männern und vor allem ihrer Familie, mit deren Plänen sie sich nicht abfinden will. Sie geht eigene Wege, teilweise sehr steinige. Mit Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hätte sich Inés vermutlich gut verstanden, wenn sie denn zur gleichen Zeit gelebt hätte. Aber sie wuchs vor bald 500 Jahren in Spanien auf. Und das macht ihre Geschichte so ungewöhnlich. Noch erstaunlicher aber ist: Es gab Inés Suárez tatsächlich - allerdings arg vernachlässigt von Historikern, unverdienterweise. Erst die chilenische Autorin Isabel Allende grub die vergessene Gründerin Santiagos, der Hauptstadt Chiles, wieder aus und recherchierte vier Jahre lang für ihr neues Buch «Inés meines Herzens», das seit kurzem auf dem deutschen Büchermarkt ist.

Vor fast genau einem Jahr kündigte Allende bei einer Lesetournee durch Deutschland an, sie arbeite an einem historischen Roman. Einem Roman, der von der Eroberung ihres Heimatlandes Chile handelt. Und dass der 11. September 1541 der Schicksalstag sein werde. Wieder ein 11. September! Am 11. September 1973 wurde ihr Onkel und damalige Präsident Chiles, Salvadore Allende, vom Militär und dem späteren Diktator Augusto Pinochet gestürzt. Sie floh ins Exil. Und am 11. September 2001 erlebte Isabel Allende unmittelbar den islamistischen Terroranschlag in den Vereinigten Staaten.

Am 11. September 1541 also erweist sich Inés als kompromisslose Kämpferin für ihre «gute Sache», die Rettung Chiles und seiner armen Seelen durch Eroberung und die Verbreitung des christlichen Glaubens.An der Seite ihres Geliebten zieht sie in die Schlacht um Santiago und scheut sich nicht, die in Scharen angreifenden Indios eigenhändig zu erschlagen. Blutrünstig und grausam ging es damals zu, so, wie in allen Kriegen. Aber noch nie gab es bei Allende so viele grausige Bilder. Darüber hinaus fehlt es nicht an pikanten und erotischen Details. Und wie gewohnt, lässt Allende immer wieder ihren trockenen Humor durchblitzen, der die martialisch geschilderte Eroberung des südamerikanischen Landes durch die Konquistadoren mildert.

Die gerade 65 Jahre alt gewordene Autorin baut ihren Roman rückblickend auf. Die 70-jährige Inés, die gerade ihren dritten Mann verloren hat, erinnert sich an ihre Jugend in Spanien, ihre Ehen und Liebschaften, ihren Aufbruch in die Neue Welt und ihre Rolle beim Aufbau einer neuen Gesellschaft. Die Stärke dieser Frau ist eine Schwäche des Buches. Nicht, dass es Zweifel daran gibt: Die historische Inés war ganz sicher eine außergewöhnlich starke Persönlichkeit - nur: Sie lebte im 16. Jahrhundert. Ihre Zeichnung aber ist hypermodern, stammt aus dem 21. Jahrhundert. So kommt sie etwas überzogen herüber. Und es drängt sich der Verdacht auf, dass Isabel Allende einiges von sich selbst auf die Gründerin Santiagos übertragen hat: Humor, Kraft, Pathos und Leidenschaft.Glücklicherweise aber auch den Mut, der Fantasie freien Lauf zu lassen. Und das macht dieses Werk zu einem spannenden opulenten Roman, der sich würdig neben «Das Geisterhaus» platzieren lässt.

Frauke Kaberka, dpa
01.10.2007

 
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Das Buch:

Isabel Allende:
Inés meines Herzens

Bild: Buchcover Isabel Allende, Inés meines Herzens

Frankfurt/M.: Suhrkamp 2007
395 S., € 19,80
ISBN: 978-3-518-41930-4

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