Romane

Elegie auf eine Generation schwarz gekleideter Frauen

Conxa ist «wie ein Stein im Geröll»: «Wenn irgend jemand oder irgend etwas mich anstößt, werde ich mit den anderen fallen.» Conxa ist eine jener unzähligen katalanischen Frauen, die der Militärputsch Francos jung zu Witwen machte, und die ihr kleines privates Glück, das Glanzlicht in ihrem ärmlichen und arbeitsamen Leben, nur wenige Jahre genießen konnten. Mit ihrer fiktiven Lebensgeschichte von Conxa setzt die Katalanin Maria Barbal der Generation ihrer Großmutter ein literarisches Denkmal. Über diese schwarz gekleideten Frauen schreibt der Literaturwissenschaftler Pere Joan Tous im Nachwort von «Wie ein Stein im Geröll»: Sie scheinen «uns heute aus längst vergilbten Familienalben anzustarren, ernst und seltsam entrückt, so vertraut und doch so fremd.»

Monate, bevor sich Katalonien vom 10. bis 14. Oktober als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren wird, macht Barbals schmales Bändchen Furore. Das Werk ist in ihrer Heimat seit 1985 bereits in fünfzig Auflagen erschienen. Die 58-jährige Autorin Barbal gehört jetzt zu den wichtigsten katalanischen Autoren.

Als junges Mädchen schon muss Conxa ihre Eltern und Geschwister verlassen, um im Haus der kinderlosen Tante aufzuwachsen. Zunächst fühlt sie sich verlassen, doch allmählich lebt sie sich ein, hilft fleißig mit und verliebt sich schließlich in Jaume, den sie trotz anfänglicher Widerstände heiraten darf. Conxa erlebt nun in ihrem dörflichen Mikrokosmos Jahre des Glücks, «obwohl das ganze Unglück, wenn man es genau betrachtet, hinter all dem fröhlichen Lachen schon auf der Lauer lag».

Die junge Frau, für die das Meer, Madrid oder der König so fern waren «wie eine dieser Geschichten, die der Vater uns Kindern am Feuer erzählt hatte», ahnt nicht, warum Jaume so oft abwesend ist.

Zwar spürt sie eine Bedrohung, aber sie hat gelernt, keine Fragen zu stellen und sich dem Schicksal und dem Mann zu beugen. Sie hat auch keine Ahnung von den politischen Umwälzungen, die selbst in ihrem abgelegenen Lebensraum inmitten der Berge bald alles auf den Kopf stellen würden: Jaume als einer der Akteure der Republikanischen Linken Kataloniens wird eines frühen Morgens abgeholt und ermordet.

Zurück bleibt eine Frau, die lange die Augen verschlossen hat vor dem, was jenseits der Dorfgrenze geschah.

Barbal gelingt es, Conxas Fatalismus, ihre Bescheidenheit, Demut und geistige Enge sprachlich einzufangen. In einfachen Sätzen lässt sie ihre Heldin chronologisch erzählen - auch von den langen Jahren als Witwe, von der Erziehung ihrer drei Kinder und den sozialen Umwälzungen, die sie schließlich als alte Frau aus dem Haus in eine unwirtliche Etagenwohnung in Barcelona vertreiben. Der Roman ist in seiner Schlichtheit berührend und als Würdigung eines scheinbar unwichtigen Lebens überzeugend: «Ein Mensch», sagt Conxa im Ende ihres Lebens, «ist zu viel wert, um gekauft zu werden, und zu unbedeutend, um so zu leben, wie es ihm gefällt.»

Susanna Gilbert-Sättele, dpa
08.08.2007

 
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Das Buch:

Maria Barbal:
Wie ein Stein im Geröll

Bild: Buchcover Maria Barbal, Wie ein Stein im Geröll

Berlin: Transit Verlag 2007
125 S., € 14,80
ISBN: 978-3-8874-7221-4

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