Romane

Ein filmreifer Roman

Eine wilde Landschaft, eine noch wildere Liebe, die brutale Vertreibung der Cherokee-Indianer, weiße Einwanderer voller Sehnsucht nach einer neuen Heimat: Charles Frazier hat mit «Dreizehn Monde» wieder einen filmreifen Roman abgeliefert. Und wie vor zehn Jahren bei seinem Bestseller-Debüt «Unterwegs nach Cold Mountain» ist es kein «Schwarz-Weiß-Film», sondern eine Geschichte voller Farben.

Gut und böse, arm und reich, traditionsverbunden und fortschrittsgläubig - nirgends gilt «entweder-oder» in diesem Buch, nicht einmal bei der Frage, ob jemand Indianer oder Weißer ist.

Wieder taucht Frazier (57) tief in die Geschichte der USA ein. Der Bürgerkrieg der 1860er Jahre, der bei «Cold Mountain» im Mittelpunkt stand, spielt diesmal nur am Rand eine Rolle. Der Roman setzt viel früher ein. Um 1820 wird der Waisenjunge Will Cooper, gerade mal zwölf Jahre alt, von der Heimat in die Heimatlosigkeit verstoßen, findet bei den Cherokee im heutigen Bundesstaat Georgia ein neues zu Hause und durchleidet mit ihnen die Vertreibung von 1838. Viele tausend Menschen wurden damals mit Gewalt nach Westen umgesiedelt.

Will und sein Adoptivvater Bear stellen sich dem entgegen. Verhindern können sie die Deportation nicht, aber sie kaufen Land, so viel sie können, und ermöglichen so zumindest ihrem eigenen Clan, noch eine Weile in den angestammten Bergen zu bleiben. Will liegt das so sehr am Herzen, dass er die Liebe seines Lebens, Claire, nach Westen ziehen lässt und bei Bear und seinen Leuten zurückbleibt.

Der Coup mit dem Landkauf gelingt, Besitztitel sind in der weißen Welt mehr wert als jahrhundertealte Tradition. Aber trösten kann Will das nicht. Wie er Claire gehen sieht und ein Lufthauch stark genug gewesen wäre, seine Entschlossenheit zu brechen - das ist eine der anrührendsten Szenen. Am Anfang ihrer Liebe waren sie drei Tage lang durch die Berge gestreift, für die Will später Besitzurkunden in Händen hält. «Aber natürlich war alles Papier der Welt nichts im Vergleich zu diesen drei Tagen», resummiert er im hohen Alter.

Die Vertreibung der Cherokee ist historisch verbrieft, und es gab auch einen Weißen, der als Waisenkind von ihnen adoptiert wurde. Aber Frazier sagt selbst, dass er eine erfundene Geschichte erzählt. Viele mag es ärgern, dass die Cherokee im Roman einen Weißen brauchen, der für sie in den Papierkrieg gegen die Vertreibung zieht. Aber nach Fraziers Darstellung besteht die Weisheit der Indianer unter anderem darin, dass die Hautfarbe ihnen nichts und die Zugehörigkeit zum Clan alles bedeutet. Bear wird durch die Adoption zu Wills Vater, und Will wird zum Cherokee. Gefühle sind wichtiger als Gene.

Auch andere Stereotype lässt Frazier bröckeln. Es gibt Indianer, die Sklaven aus Afrika ausbeuten, und Weiße, die ihre indianischen Wurzeln verleugnen. Es gibt den Mann der Bücher, der doch böse ist, und den Mann, der sich wie ein dummer Junge benimmt und doch als weiser Häuptling handelt. Und es gibt die Mahnung an alle, die sich zum Herrn über die Natur aufschwingen, damals wie heute. Bear erzählt, als die Welt noch jung war, habe man noch Gebete an die Tiere gerichtet. «Man bat sie um Vergebung für die Notwendigkeit sie zu töten, um etwas zu essen zu haben. Doch dann, vor nicht allzu langer Zeit, konnte man plötzlich mit dem Töten Geld verdienen.» Und das war der Anfang vom Ende der Hirsche und der Bären und der Bisons.

Frazier erzählt eine große Geschichte packend und mitreißend. Wer darin eintauchen will, vergisst am besten die Gerüchte über eine Schreibblockade Fraziers nach dem Debüt-Erfolg, den Verlagswechsel für acht Millionen Dollar und das Starren auf die Bestsellerliste.

Das Buch hat es verdient, für sich zu stehen.

Jürgen Hein, dpa
22.05.2007

 
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Das Buch:

Charles Frazier:
Dreizehn Monde

Bild: Buchcover Charles Frazier, Dreizehn Monde

München: Karl Blessing Verlag 2007
496 S., € 21,95
ISBN: 978-3-89667-341-1

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