Romane

Düstere Jagdgeschichte

Mehrfach ist Gisela Elsners Werk «Heilig Blut» von deutschsprachigen Verlagen als «misslungen» abgelehnt worden.

Gefallen an ihrem «antifaschistischen Roman», so die Autorin über ihr Buch, zeigte nur der Moskauer Raduga-Verlag, der ihn 1987 in russischer Sprache herausbrachte. In einem Interview vermerkte Elsner (1937-1992) damals lakonisch, dass der Text nun nicht etwa vom Deutschen, sondern vom Russischen ins Bulgarische und daraufhin vielleicht vom Bulgarischen ins Sudanesische oder Koreanische übersetzt werde. 15 Jahre nach ihrem Tod kann man «Heilig Blut» jetzt erstmals in deutscher Sprache lesen.

Die deutsche Erstveröffentlichung basiert auf einem Manuskript aus «letzter Hand», wie der Verbrecher Verlag Berlin in einem Nachwort mitteilt. Mit dem ihr eigenen Blick für Groteske und Satire hat Elsner in «Heilig Blut» - ein nicht existierender Ort inmitten der bayerischen Wälder - wie schon in vorausgegangenen Romanen ein monströses Panorama entworfen. Ihre Radikalkritik an deutscher Gemütlichkeit, die in Grausamkeit und Gewalt umschlägt, ist düster bis mystisch.

Im Mittelpunkt steht die Jagd - schlechthin eine Domäne, um Männlichkeit zu demonstrieren. Dem jungen Holger Gösch, Wehrdienstverweigerer und deshalb in den Augen der Vätergeneration ein Weichling und Landesverräter, muss «Treue und Glauben» erst noch beigebracht werden. Sein Vater hat drei ehemalige Kriegskameraden, mit denen er sich sonst in der abgelegenen Jagdhütte in Erinnerungen an die Nazizeit ergeht, für die Bewährungsprobe auserkoren.

Die Katastrophe ist unausweichlich. «In der Einsamkeit der Gegend zeigen sie zunehmend Neigung zur «Gewalttätigkeit, die sie gefährlich macht», notiert der junge Mann in seinem Tagebuch über seine Begleiter. Bei ihren Gewaltmärschen folgen sie den Spuren eines lebensmüden Fabrikanten von Wirtshaus zu Wirtshaus, dann wieder einem Rudel ausgebrochener Wölfe. Schießen ist ihre große Leidenschaft. Als der junge Gösch durch einen Schuss aus ihrer Flinte getötet wird, verscharren sie ihn wie einen Hund im Gebüsch ohne Schuldgefühl.

Geboren in Nürnberg, veröffentlichte Elsner 1964 ihren ersten gesellschaftskritischen Roman «Die Riesenzwerge». Sie steht im Ruf einer Skandalschriftstellerin, die gern auf großem Fuß lebte. Als Autorin längst vergessen, nimmt sie sich 1992 das Leben. Nachdem ihr Sohn Oskar Roehler den Film «Die Unberührbare» (1999) über die letzten Jahre seiner Mutter gedreht hatte, begann eine Neubesinnung auf ihr Werk, das allein acht Romane umfasst.

Irma Weinreich, dpa
18.05.2007

 
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Das Buch:

Gisela Elsner:
Heilig Blut

Bild: Buchcover Gisela Elsner, Heilig Blut

Berlin: Verbrecher Verlag 2007
256 S., € 14,00
ISBN: 978-3-935843-82-9

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