Krimis & Thriller

Ein bissiger Urlaubskrimi über Sehnsüchte in Fernost

In knappen Sätzen beginnt der Roman mit der Beschreibung des thailändischen Feriendorfes in dem die neuen Gäste, darunter auch die Journalisten Kecki und  Max, erwartet werden. Sprunghaft treten die Hauptfiguren unter den Dorfbeschäftigten auf. Der schwergewichtige ostwestfälische Dorfleiter Horst, den die Untergebenen Mr. Oss nennen und dem das reibungslose Wohlergehen der Gäste wie auch das eigene das Wichtigste ist; Madame, die geheimnisvolle thailändische Personalchefin, die in einem verwunschenen Haus mit eignem Stromgenerator wohnt; und Mow, der einfache, etwas deutsch sprechende Vertraute von Mr.Oss, der die Fähigkeit besitzt Urlaubern zur Erfüllung auch ausgefallener Wünsche zu verhelfen. Auch das andere Dorf, das „siamesische Dorf,“ aus dem sich all die Bediensteten rekrutieren, hat der Leser schon auf den ersten Seiten besucht. Zu Beginn scheint Eva Demskis Sprache irgendwie ungelenk, überdreht.

Das vermeintlich Ungelenke entpuppt sich aber nach einigen Seiten Lektüre als Qualität des Romans. Die scharfen, überraschenden Verknüpfungen und Bemerkungen erzeugen den ironisch-distanzierten Blick mit dem die Geschehnisse begleitet werden. Die Begehrlichkeiten und Träume der Urlauber wie Einheimischen, sowie die Begrenzungen, die im Aufeinandertreffen der beiden auf Zeit verknüpften Gruppen auftreten können so zum Thema werden, ohne den Fluß der aktuellen Ereignisse zu verlangsamen. Die aktuelle Geschichte entpuppt sich bald als handfester Krimi. Denn die Suche der beiden Reisejournalisten Kecki und Max nach den in Auftrag gegebenen Reisegeschichten hat noch nicht wirklich begonnen, als erste Merkwürdigkeiten auftauchen und Recherchen nach einer anderen, härteren und geheimnisvollen Geschichte erzwingen.

Leichteile und Zeichen im Paradies

Es ist eine offenbar menschliche Hand, die in einem der Geisterhäuschen auf dem Feriengelände zwischen einem blauen Elefanten und einem gelben Mönch entdeckt wird. Noch bevor Max, der Fotograf  im Journalistenduo, den seltsamen Fund festhalten kann, ist sie verschwunden, aufgefressen von Ameisen. Die Hand ist so nicht nur als sensationeller Baustein einer möglichen Geschichte verloren, sondern hat sich gewissermaßen auch einer Realitätsprüfung entzogen. Die beiden Reporter haben Schwierigkeiten ihre Augen zu trauen. Das liegt nicht nur an den grausigen Dingen und Ereignissen, die so gar nicht in ein Ferienparadies passen, mit den sie beiläufig konfrontiert werden, sondern auch an dem allgemein Geheimnisvollen der fremden Kultur, das die Journalisten durchdringen wollen.

Die Funde von Körperteilen reißen nicht ab und werden von geheimnisvollen Zetteln begleitet, auf denen in grellrotem Lippenstift gemalte Figuren mit durchgestrichenen Extremitäten vielleicht den nächsten Fund ankündigen wollen. Die Geschehnisse scheinen einer makaberen Systematik zu unterliegen. Gelber Mönch und Blauer Elefant stehen für zwei Klöster in der nahen Umgebung des Feriendorfes. Sie stehen für die beiden touristischen Erfahrungsmöglichkeiten. Das eine Kloster ist Ausflugsziel des großen Elefantenrittes und das Aufregendste, was dem tumben Teil der Urlaubergruppe widerfahren kann.  Das andere ist Ziel esoterischer Sehnsüchte nach Wunderheilung von Krebs und Gebrechen in einem geheimnisvollen Höhlesee. Hinter den beiden Klöstern stehen aber noch ganz andere irdische Mächte und Kräfte. Licht in diese Zusammenhänge bringen zu wollen, treibt die Journalisten an.

Eva Demskis Roman liest sich so zum guten Teil als Kriminalroman, dessen Ende für dieses Genre aber unbefriedigend ist. Zu viele Verknüpfungen tauchen gegen Ende auf und bleiben  unbestimmt.  Der Roman handelt bissig, kokett von der Seichtheit deutscher Urlauber in Fernost und der Oberflächlichkeit esoterischer Sehnsüchte und deren ernsthaften Seite.  Die westliche Erwartung an die fernöstlichen, buddhistischen Lebensweisheiten werden konterkariert durch die ganz irischen überlebensnotwendigen Interessen der gläubigen Einheimischen, die im großen Spiel fremder, wirtschaftlicher Interessen ihre Nische suchen. Diese Mischung macht den Roman sehr unterhaltsam bis fast zum Ende.

Sascha Müller
04.05.2006

 
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Das Buch:

Eva Demski:
Das Siamesische Dorf

Bild: Buchcover Eva Demski, Das Siamesische Dorf

Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2006
380 S., € 19,80
ISBN: 3-518-41740-1

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