Krimis & Thriller

Ein seltsamer Bankraub

Haben wir nicht alle schon mal einen Mord begangen oder eine Bank ausgeraubt - in Gedanken!

Die Protagonistin will berühmt werden. Sie will durch einen Bankraub, der sie in die Schlagzeilen bringt, ihren Büchern, die keiner drucken und kaufen will, zum Erfolg verhelfen. Nur wer bekannt ist, wird gelesen. Das ist ihre feste Meinung.

Es beginnt eine spannende und gleichzeitig menschliche Kriminalstory. Dass die Räuberin dabei aber selbst beraubt wird, war in ihren Überlegungen nicht vorgesehen. Wo Geld ist, da wird gestohlen! Aber wohin mit dem geraubten Geld? Und wie aus der Gesellschaft ungestraft verschwinden? Die Autorin versteht es meisterhaft, die komplexe Welt der Raub- und Überfallspsychologie einleuchtend darzustellen.

Die Protagonisten sind im wesentlichen die schriftstellernde Bankräuberein Dr. Lisa Gärnter und ihre Kontrahenten und Gegenräuber Otto und Hugo, zwei junge Burschen, die dringend Geld benötigen, um ihr bis dahin verpfuschtes Leben ins Lot zu bringen. "Mein Vater war schon in Frühpension bei der Bahn, wegen Alkoholismus. Sie haben irgendwie versäumt, mich wegmachen zu lassen und das haben sie mir übelgenommen", lamentiert Otto. Lisas Überfall gelingt, die Geldnoten sind in der Tasche, doch plötzlich stehen diese beiden Burschen am Bankausgang, nehmen der Räuberin das Geld ab, fliehen mit ihr und landen schließlich im Gartenhaus ihrer Oma. Dort schöpft keiner Verdacht, der Schrebergartennachbar ist hilfsbereit und freundlich. Aber wie geht es weiter? Die Überlegungen und Pläne der drei werden durchkreuzt von einer tschetschenischen Raubmörderbande, die das Geld "gerochen" hat. Sie werden von ihnen bespitzelt und können der mörderischen Gefahr bei Nacht und Nebel gerade noch entkommen.

Bei den dreien stellen sich Zweifel über die unrühmliche Tat ein. Sollen Sie sich der Polizei stellen, um ein mildes Urteil zu erlangen? Und das Geld zurückgeben Lisa lamentiert: "Aber ich bin 42 und habe mir mit dieser Wahnsinnsgeschichte wahrscheinlich den Rest meines Lebens ruiniert. Meine Familie, meine Freunde, sie werden mich verurteilen, mich meiden. Wenn ich aus dem Gefängnis komme, bin ich eine alte Frau ohne die geringste Chance. Aber ihr seid jung, ihr könnt mit ein bisschen Vernunft, Ausdauer, gutem Willen ein Leben aufbauen, Ihr müßt es schaffen können, wenn ihr nur ernsthaft wollt. Da bin ich sicher."

"Sie legte ihre Arme auf den Tisch, den Kopf darauf und begann bitterlich zu weinen. Die Schrecken der letzten Tage, die Ausweglosigkeit ihrer Situation und die Vorwürfe, die sie sich selbst machte, das war jetzt alles zu viel. Otto hatte ja recht. Was sie getan hatte, das war so unsinnig, so verrückt, dass sie es jetzt selbst nicht mehr verstehen konnte. Sie musste wirklich den Verstand verloren haben."

Eine Bank zu überfallen, um ihren Büchern eine Chance zu geben, das konnten diese einfach gestrickten Jungs nicht verstehen. "Es musste sie jeder und sie sich selbst auch für wahnsinnig halten. Den Kopf auf den Armen weinte sie mit einer Verzweiflung, die nicht enden wollte." Nach langem Hin und Her und in Anbetracht einer aussichtslosen Zukunft beschließen sie, sich der Polizei zu stellen. Aber wo, wenn weit und breit keine Polizeistation ist?! Auf der Suche landen sie schließlich in dem kleinen Ort Bierbach.
Nach dem Verlassen ihres Autos bemerken Sie, dass ihnen die Tschetschenen gefolgt sind. Auf der Suche nach dem Geld schleichen sie um ihr Auto. Da hilft nur eines: Sofort die Polizei anrufen! Gesagt, getan, sie stürmten in eine Arztpraxis, versetzen die Patienten im Wartezimmer in Angst und Schrecken, bis die Polizei endlich eintrifft. Dann beginnt eine erfolgreiche Großfahndung nach den Tschetschenen und die drei reumütigen RäuberInnen werden vernommen. Ein Polizeiinspektor zu Lisa: "Eigentlich müssten Sie weniger wegen des Bankraubes, sondern wegen Ihrer Dummheit bestraft werden. Wie viel man für Dummheit bekommt, weiß ich nicht, ich glaube, das ist kein Delikt, das in irgendeinem Gesetzbuch steht", lacht Inspektor Hahn.

Lisa versucht, ihre Geschichte so vernünftig wie möglich zu erzählen: Von ihrem Traum, ihrem Leben wieder einen Sinn zu gehen, indem sie als Schriftstellerin erfolgreich wurde, dann der an sich gelungene Bankraub, aber das unerwartete Eingreifen der zwei Burschen, die eben an diesem Tag, zu dieser Zeit selbst einen Bankraub geplant hatten, die Tage in der Kleingartensiedlung, weil niemand wusste, wie es weitergehen könnte, die schrecklichen Stunden, als sie von den Banditen entdeckt und als leichte Beute erkannt worden waren, ihre Flucht und das eigentlich glückliche Ende.

Sie geben das Geld zurück. Lisas getrennt lebender Mann taucht unerwartet auf und nimmt sie in die Arme. Er hat sich von seiner Geliebten getrennt und will wieder in die gemeinsame Wohnung einziehen. Ende gut, alles gut!

Die Sprache der Ich-Erzählerin ist leicht verständlich, dynamisch und routiniert. Die Dramaturgie ist stimmig und überzeugend. Das herausragendes Merkmal dieser Kriminalgeschichte ist die Menschlichkeit der Protagonistin (Autorin), die großes Verständnis für die verkorksten, jungen Miträuber aufbringt. Sie möchte sogar bei ihren Resozialisierung mithelfen.

Manfred Enderle
18.01.2016

 
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Das Buch:

Felicitas Henn: Ein seltsamer Bankraub

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Frankfurt: Frankfurter Literaturverlag 2015
85 S., 11,80
ISBN: 978-3-8372-1742-1

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