Krimis & Thriller

Damals im Zonenrandgebiet

Klaus Seeberg trotzt einem heftigen Schneesturm und macht sich auf den Weg nach Kaltengrund, in das kleine Dorf in der Rhön, in dem vor mehr als dreißig Jahren ein DDR-Grenzsoldat erschossen aufgefunden worden war. Der Fall war seiner Zeit rasch zu den Akten gelegt worden, mit dem Ergebnis, dass der getötete Grenzer wohl auf der Flucht war und von einem ostdeutschen Kollegen daran gehindert und gerichtet wurde. Auch hat man zur Vermeidung eines innerdeutschen Konflikts Leiche und Beweisstücke umgehend den DDR-Behörden übergeben. Für Kommissar Seeberg hat der Fall allerdings eine ganz andere Tragweite. Zwar hat er den Mörder seiner Tochter Laura überführen können, doch ahnt er momentan lediglich, dass dieser Vorfall nahe Kaltengrund im Sommer 1982 etwas mit dem Mord zu tun haben könnte, der sein Leben für immer verändert hat.

Bei seinen Ermittlungen in Kaltengrund wird er von Franziska Hellmich begleitet. Die Polizeipsychologin wurde ihm an die Seite gestellt, um seine Diensttauglichkeit zu bewerten. Schließlich hat Seeberg nach Lauras Tod bereits einige Male einen Suizid zu begehen versucht, jedoch hindert ihn sein Streben nach der Wahrheit um das Motiv Wolfram Abels, der seine Tochter auf dem Gewissen hat, noch daran, ihr ins Jenseits zu folgen. Bei der Fahrt in die Höhenlagen der hessischen Rhön zieht ein gewaltiger Schneesturm auf, der schließlich Kaltengrund sowie Seeberg und seine Kollegin von der Außenwelt abschneiden. Ein perfektes Szenario, um Licht ins Dunkel des Falles von einst zu bringen und das beharrliche Schweigen der Dorfbewohner zu durchbrechen. Doch Seeberg wird sich wünschen, dass er niemals in seinem Leben in derartige Abgründe hätte blicken müssen.

Das fiktive Rhön-Dörfchen hat dem dritten Kriminalroman Zeno Diegelmanns um Kommissar Klaus Seeberg auch den Titel verliehen: "Kaltengrund" ist die direkte Fortsetzung der beiden Vorgänger "Rhönblut" und "Finsterhain". Im Rahmen dieser Fälle hatte Seeberg bereits erste Spuren zum Mörder seiner Tochter entdeckt und schließlich den psychopathischen Wolfram Abel am Ende von "Finsterhain" zur Strecke gebracht. So setzt "Kaltengrund" nahtlos die Handlung fort, nachdem im Vorgängerroman bereits der Fall um den toten DDR-Soldaten ins Spiel gebracht worden war. Zeno Diegelmann, der mit seinem Alter Ego Tim Boltz große Erfolge als Comedian feiert, beweist mit "Kaltengrund" einmal mehr, dass er nicht nur die humoristische Variante beherrscht, sondern in seinen Kriminalromanen knallhart und todernst sein kann.

Der gebürtige Fuldaer hat aufgrund seiner osthessischen Vergangenheit die Fälle seines Kommissars in die heimische Rhön verlagert, die den Autor zu Zeiten eines geteilten Deutschlands als Zonenrandgebiet mutmaßlich nachhaltig beeindruckt hat. So hat er die potentiellen Fluchtmöglichkeiten über den Eisernen Vorhang in der Abgeschiedenheit der Rhön zum Kern der Handlung in "Kaltengrund" gemacht. Auch begeistert er mit seinen feinen Beobachtungen über die Eigenheiten der Sippels und Wingenfelds als Eingeborene in der Rhön. Dies alles mixt er zu einem kurzen, aber intensiven Krimi, der mit der winterlichen Abgeschiedenheit an das Setup in einem Agatha-Christie-Roman erinnert. Für Klaus Seeberg stellt dies aber kein Hindernis dar, er nutzt den miserablen Handyempfang und vor allem die Zeit abseits der Zivilisation, um sich erstmals nach dem Tod seiner Tochter wieder ein wenig am Leben zu erfreuen.

In der Kürze liegt die Würze, dieses Motto scheint Zeno Diegelmann bei seinen Krimis zu leiten. Gerade einmal etwas mehr als 300 großzügig bedruckte Seiten reichen dem Autor aus, um zwei Handlungsstränge, neben demjenigen im Hier und Jetzt noch eine Rückblende in den Sommer 1982, richtig intensiv zu beackern und mit Klaus Seeberg seinen mit dem Schicksal hadernden Protagonisten dem Leser zugänglich zu machen. Diegelmanns Krimis sind der wohltuende Gegenentwurf zu so vielen allzu komplex und literarisch gewollten Kriminalromanen. Wer in den kommenden Wintertagen eine spannende Unterhaltung wünscht und Zeno Diegelmann und seinen suizidgefährdeten Kommissar noch nicht kennt, der möge sich sogleich alle bisherigen Bücher um Seeberg besorgen und einsteigen. Sicher ist auch, dass es weitergehen wird. Diegelmann ist nämlich seiner "Cliffhanger-Strategie" treu geblieben und hat am Ende von "Kaltengrund" bereits eine Fährte zu einem neuen Fall gelegt, den Klaus Seeberg garantiert nicht verschmähen wird.

Christoph Mahnel
14.12.2015

 
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Das Buch:

Zeno Diegelmann:
Kaltengrund. Ein Rhön-Krimi

Bild: Buchcover Zeno Diegelmann, Kaltengrund

Berlin: Aufbau Verlag 2015
318 S., € 9,99
ISBN: 978-3-746-63187-5

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