Krimis & Thriller

Tote Seelen?

Leo Junker, dreiunddreißig und ehemaliger, wenn auch nicht gern gesehener Shootingstar der Stockholmer Polizei, befindet sich seit einiger Zeit, seit ein Einsatz an dem er Undercover beteiligt war, völlig schief gegangen ist, im freien Fall. Tablettensüchtig, dem Alkohol zugetan und von Schlafstörungen gepeinigt, wird er Nachts von blinkendem Blaulicht geweckt. Tritt ans Fenster und muss feststellen, dass vor seinem Haus mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei stehen. Kurzerhand schleicht er ins Treppenhaus und erfährt, dass in einer Unterkunft für gefallene Mädchen eines derselben in ihrem Bett ermordert wurde. Er beschließt sich den Tatort anzusehen und damit beginnt ein Abenteuer, dass ihn aufrütteln, seine tragische Vergangenheit wieder hervorkehren wird und seine Zukunft bedrohen wird.

Christoffer Carlsson erzählt die Geschichte seines Protagonisten nur bedingt chronologisch, da zwar die gegenwärtigen Ereignisse sehr wohl chronologisch abgehandelt werden, diese jedoch von zwei weiteren Erzählebenen ge-bzw. unterbrochen werden. Hier erfährt man zum einen und noch bevor es für den gegenwärtigen Fall offenkundige Relevanz erhält, etwas über die Vergangenheit Junkers, und zum anderen, vom Verlag bzw. dem Lektorat clever durch kursive vom Rest des Textes abgehoben, anfangs noch recht kryptische Nachrichten bzw. kurze Berichte, die sich erst im Laufe der Entwicklungen stärker in die Handlung einpassen, einen Verdacht aufkommen lassen, sich verdichten und dann den aufgekommenen Verdacht bestätigen. Hierdurch ist der Leser noch vor dem Protagonisten dazu in der Lage einige Rätsel zu lösen, um dann Leo beim Ermitteln zuzusehen bzw. festzustellen, wie er sich Schritt für Schritt des Rätsels Lösung nähert.

Carlsson hat mit Junker einen Protagonisten erschaffen, der polarisiert. Scheinbar am Boden angekommen, macht man mit ihm eine negativ Entwicklung durch, die durch die Handlungen seines ersten hier vorgestellten Falles hervorgerufen werden, an deren Ende jedoch ein vermeintlicher Lichtblick steht. Einerseits war mir Junker durchaus sympathisch, vor allem aufgrund seines persönlichen Schicksals und einiger seiner Ermittlungsmethoden, andererseits, und damit auch ein Wort zu den anderen Figuren des Romans bzw. Junkers Gegenspieler im Turm der toten Seelen, war mir seine Charakterisierung als kaputte Seele, gerade im Bezug auf seine Tablettensucht in Kombination mit der Drogenabhängigkeit so vieler anderer Figuren im Buch manchmal zu viel.

Die Abwärtsspirale die viele der für den ersten Fall entscheidenden Charaktere durchgemacht haben ist zwar teilweise gravierend, und die beschriebenen Reaktionen bis zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehbar, insgesamt wirkte sie jedoch teilweise etwas einseitig, zumal es in diesem Fall keinen Protagonisten gab, der es geschafft hat, den beschriebenen Negativtrend in irgendeiner Weise dauerhaft zu durchbrechen oder nicht ihr Opfer zu werden.

Insgesamt darf man darauf gespannt sein, wie sich die Verhältnisse zwischen Junker und den wichtigsten Nebencharatkeren im bereits vom C. Bertelsmann Verlag für den Herbst (Oktober) angekündigten zweiten Fall entwickeln werden. Einige dieser Nebencharaktere haben sogar in größerem Maße mein Interesse geweckt als der Protagonist Junker, umso gespannter bin ich, ob Carlsson die guten Ansätze ausgebaut hat. Ich erwarte den kommenden "Band Schmutziger Schnee" also mit Freude und kann "Der Turm der toten Seelen" jedem weiterempfehlen, der die vielgerühmten Schwedenkrimis mag.

Sven Zerbes
27.04.2015

 

Thrillerliteratur par excellence

Der Polizist Leo Junker hat mit Anfang dreißig eine steile Karriere gemacht. Bis ihm ein zwielichtiger Einsatz zum Verhängnis wird und ihn daran zweifeln lässt, wo das Gute aufhört und das Böse beginnt. Nach einem missglückten Undercover-Einsatz - er hat versehentlich einen Kollegen erschossen - wird Leo zur Verantwortung gezogen und vom Dienst suspendiert. Nun hockt er den lieben langen Tag in seiner Wohnung und gießt sich ein Glas mit Absinth nach dem anderen hinter die Binde. Und er kämpft mit Panikattacken, gegen die auch Tabletten und ein Psychotherapeut nicht ankommen. Leo hat Angst vor seiner Zukunft. Es ist mehr als ungewiss, ob er jemals wieder als Polizist arbeiten wird. Leo hat längst alle Hoffnung aufgegeben. Zu viel ist geschehen.

Dann wird in Leos Wohnblock eine tote Frau aufgefunden. Bei der Ermordeten handelt es sich um eine gewisse Rebecca Salomonsson. Sie lebte auf der Straße und verdiente u.a. als Prostituierte ihren Lebensunterhalt. Feinde hatte sie wohl keine. Also warum musste sie sterben? Die Stockholmer Mordkommission tappt im Dunkeln. Also beschließt Leo, selbst in diesem Fall zu ermitteln. Ein Detail an der Leiche erinnert ihn an längst verdrängte Erlebnisse seiner düsteren Jugend und an das brutale Ende seiner ersten Liebe. Leo weiß, dass ihm jetzt nur einer weiterhelfen kann: John Grimberg. Früher war er sein bester Freund, wurde aber später zu seinem abgrundtiefen Feind. Er wartet nur auf eine Gelegenheit, sich an Leo zu rächen ...

Unterhaltung, wie sie mörderischer nicht sein könnte - Christoffer Carlssons Romane sind dermaßen spannend, dass hier jederzeit mit einem Herzinfarkt gerechnet werden muss. "Der Turm der toten Seelen" ist definitiv nichts für schwache Nerven. Während der Lektüre verschlägt es den Leser nicht nur die Sprache, sondern auch glatt den Atem. Mit seinen Worten sorgt der Autor für Thrill at its best. Damit aber längst nicht genug: Die Story ist gnadenlos fesselnd, sodass an Schlaf nicht zu denken ist, wenn man mit dem Lesen erst einmal begonnen hat. Über viele, viele Stunden erfährt man ein Lesevergnügen der teuflischsten Art und Weise. Carlssons Ermittler Leo Junker lässt die besten Kommissare der (Krimi-)Welt alt aussehen.

Vollkommen zu recht bezeichnet der C. Bertelsmann Verlag Christoffer Carlsson als Star einer neuen Thriller-Generation. Mit "Der Turm der toten Seelen" beweist der Schwede, dass er ein Meister seines Fachs ist. Er versteht es wie kein Zweiter, die seelischen Abgründe der Menschen zu erforschen - und zwar so gut, dass es selbst einem Jussi Adler-Olsen oder Stieg Larsson verdammt schwer fallen würde, seine Bücher aus der Hand zu legen. Der helle Wahnsinn!

Susann Fleischer
09.03.2015

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Christoffer Carlsson:
Der Turm der toten Seelen. Thriller. Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann

Bild: Buchcover Christoffer Carlsson, Der Turm der toten Seelen

München: C. Bertelsmann Verlag 2015
352 S., € 14,99
ISBN: 978-3-570-10232-9

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.