Krimis & Thriller

Am menschlichen Abgrund

Gregor Zimmermanns unbeschwerte Kindheit und Jugend findet am 17. Juli 1991 ein abruptes Ende. Er und seine Zwillingsschwester Kathrin, mit der er die bisherigen dreizehn Jahre seines Lebens durch Dick und Dünn gegangen ist, werden beim Spielen in einer verlassenen Hütte von einem pädophilen Paar überrascht und festgehalten. Der Mann, der wie ein Biber aussieht, und die Frau, deren Gesicht von einem Feuermal entstellt ist, vergehen sich mehrfach an den Zwillingen und stellen die beiden schließlich vor die Wahl: Einer darf gehen und einer muss bleiben. Gregor kommt zwar mit dem Leben davon, kann aber die schwere Schuld, seine Schwester verraten zu haben, bis ins Erwachsenenalter nicht überwinden.

Zweiundzwanzig Sommer später verbringt Gregor mit seiner Freundin Charlotte und deren Tochter Cloe an der irischen Atlantikküste unbeschwerte Urlaubstage. In einem Wellness-Tempel vor Ort trifft es Gregor allerdings wie der Blitz. Obgleich mehr als zwei Jahrzehnte seitdem vergangen sind, erkennt er seine beiden Peiniger sofort wieder: Der Biber und die Frau mit dem Feuermal. Sofort ergreift er die Gunst der Stunde und startet seinen Rachefeldzug. Doch er hat zwei ausgebuffte Gegenspieler, die ihrerseits keine Gnade kennen und ihr Gregörchen auch sofort wiedererkannt haben. Sie handeln unverzüglich und holen zum Gegenschlag aus, indem sie Cloe in ihre Gewalt bringen. Gregor ist verzweifelt, doch verzichtet er darauf, mit der Polizei zu kooperieren, da er Gewalt mit Gegengewalt beantworten will.

"Stirb Schwesterchen stirb" lautet der Titel des vorliegenden Buches aus der Feder von Sean Berger. Der Autor war bis dato schriftstellerisch ein unbeschriebenes Blatt. Die bekannten Informationen zu seiner Vita sind recht dürftig und scheinen ausschließlich aus der Quelle des herausgebenden Aufbau-Verlags zu stammen. Geboren in Irland, was die Platzierung des Geschehens auf die grüne Insel nachvollziehbar macht, mit seinem österreichischen Vater später nach Wien gegangen und nach einem abgebrochenen Germanistikstudium vorrangig als Englisch- und Surflehrer tätig. "Stirb Schwesterchen stirb" ist seine erste bekannte Veröffentlichung als Autor. Bei derartigen Angaben zum Autor horcht der geneigte Leser auf und erwägt sogleich erste Mutmaßungen hinsichtlich eines potentiellen Pseudonyms.

Im Verlauf der Geschichte lebt der Autor bestialische Phantasien aus und lässt die Mitglieder eines Pädophilen-Rings Dinge tun, die man als zartbesaiteter Leser selbst fiktional nur schwerlich ertragen kann. In Rückblenden aus dem Hier und Jetzt in die Vergangenheit wird deutlich, welch abscheuliches Martyrium Gregor und Kathrin durchlitten haben. Der Biber und die Frau mit dem Feuermal kennen keine Gnade und lassen ihre Opfer über Jahre hinweg nicht aus ihren Fängen entweichen. So bekommt Gregor in den Folgejahren stets am 17. Juli Informationen zum Verbleib seiner Schwester zugespielt, die in ihm die Pein Jahr für Jahr aufs Neue befeuern, ihn am Ende aber doch immer in Ungewissheit zurücklassen.

"Stirb, Schwesterchen, stirb" ist ein grausamer Thriller über die tiefsten Abgründe im Menschen. Doch nicht nur die offensichtlichen Täter leben hier ihre bösartigen Phantasien aus, sondern auch das Opfer beginnt, Rachepläne zu schmieden und auszuüben, die der dunklen Seite in nichts nachstehen. Berger schafft in seinem Erstling eine Vielzahl von Figuren, von denen einem als Leser jedoch keine so recht ans Herz wachsen will. Stattdessen nimmt man eine distanzierte Haltung zum vorliegenden Buch ein und beobachtet mitunter kopfschüttelnd die Vorgänge. Insbesondere für den Showdown in Gregors Schweizer Heimat wäre für den Leser zuvor eigentlich ein Eignungstest für die schaurigen Vorgänge von Nöten. Ist man allerdings ausreichend gefestigt und weiß man das vorliegende Werk als Fiktion zu nehmen, dann bekommt man ein paneuropäisches Katz- und Mausspiel mit einer ordentlichen Portion Thrill und Spannung serviert.

Christoph Mahnel
24.11.2014

 
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Das Buch:

Sean Berger: Stirb Schwesterchen stirb

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Berlin; Aufbau Verlag 2014
368 S., 18,95
ISBN 978-3-351-03409-2

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