Krimis & Thriller

Die Macht des Wortes

Im Allgemeinen deuten Kreuze am Straßenrand auf tödliche Verkehrsunfälle hin, die sich mehr oder weniger weit in der Vergangenheit ereignet haben. Nicht so in Jeffery Deavers neuem Thriller "Allwissend". Das aus zwei Zweigen gebastelte Kreuz, das einem Polizisten neben der Straße auffällt, trägt nämlich ein Pappschild mit dem Datum des folgenden Tages. Errichtet wurde es für die siebzehnjährige Tammy Winters, die gefesselt im Kofferraum ihres Wagens gefunden wird, der am Strand in der steigenden Flut abgestellt wurde. Und weitere derartige Kreuze sollen folgen.

Kathryn Dance, Expertin für Körpersprache und leitende Ermittlerin beim California Bureau of Investigation, wird mit dem Fall betraut. Schon beim ersten Verhör der jungen Frau, die den Anschlag glücklicherweise knapp überlebt hat, wird der klar, dass Tammy mehr über den Täter weiß, als sie aussagt. Professor Boling, ein externer Berater, der sich um Tammys vom Meerwasser in Mitleidenschaft gezogenen Laptop kümmert, findet schließlich heraus, dass sie in einem online-Blog aktiv ist, der "Kreuze am Straßenrand" heißt und sich mit einem Verkehrsunfall auseinandersetzt, bei dem vor kurzer Zeit zwei Jugendliche ums Leben gekommen sind.

Die Blogger ziehen nun über den Fahrer des Unfallwagens her, der ihrer Meinung nach das Leben der beiden Mädchen auf dem Gewissen hat. Dabei handelt es sich um den Außenseiter Travis, einen Teenager aus schwierigen Verhältnissen, der an seiner Akne leidet und sich immer mehr in die synthetische Welt eines Rollenspiels im Internet zurückzieht. Als weitere Kreuze am Straßenrand auftauchen und sogar Menschen ermordet werden, die in dem Blog gepostet haben, deutet alles auf einen brutalen Rachefeldzug des verzweifelten jungen Mannes hin.

So hat das Team um Kathryn Dance alle Hände voll zu tun, um auf die Spur des bewaffneten Amokläufers zu kommen. Zu allem Überfluss wird die Mutter der Ermittlerin, eine erfahrene Krankenschwester, dann auch noch der aktiven Sterbehilfe für einen schwer verletzten Polizisten angeklagt, wodurch Dance doppelt ins Interesse der beunruhigten Öffentlichkeit gerät. Je mehr Zeit verstreicht, desto heftiger werden die Auseinandersetzungen im Internet, die immer neues Unheil heraufbeschwören. Doch je tiefer die Beamten in den Fall eindringen, desto überraschender werden die Wendungen, die er nimmt. Und so muss Kathryn Dance trotz oder gerade wegen ihrer Fähigkeiten in der Beurteilung der Körpersprache der Menschen, die sie vernimmt, erkennen, dass nichts so ist, wie es zu sein scheint.

Mit der Verfilmung seines Romans "Die Assistentin" unter dem Titel "Der Knochenjäger" mit Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen wurde Jeffery Deaver einem Millionenpublikum bekannt. Nach "Die Menschenleserin" lässt der Autor seine charismatische Serienheldin Kathryn Dance nun mit "Allwissend" ihren zweiten subtilen Fall lösen. Schonungslos zeigt er dabei die dunkle Seite des Internets auf, durch dessen Massenwirkung die Macht des Wortes um ein Vielfaches potenziert wird, wobei jeder, der sich zu einem Thema äußert, alles immer noch ein bisschen besser weiß. In "Allwissend" führt dies zu einer tödlichen Hetzjagd auf einen Jugendlichen. Gekonnt gibt der Autor dabei Einblicke in das Vorgehen der Kinesikerin, die sich in den Fall des "Kreuz-Killers" hineindenkt und diesen auf Umwegen durchschaut. Dabei erzeugt Deaver einen ungeheuer gedrängten Spannungsbogen, der den Leser in mächtigen Wellenbewegungen mitreißt und das Lesen zur Sucht werden lässt.

Christian Götz
10.05.2010

 
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Das Buch:

Jeffery Deaver:
Allwissend. Aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild

Bild: Buchcover Jeffery Deaver, Allwissend

München: Blanvalet Verlag 2010
544 S., € 21,95
ISBN: 978-3-7645-0336-9

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