Krimis & Thriller

Inkognito

Ein Buch, das im Hier und Jetzt spielt, mit der Schlagzeile "Hitler in München!" beginnen zu lassen, darf selbst für einen rein fiktiven Roman als sehr gewagt bezeichnet werden. Auslöser für diesen Ausruf einer Münchner Tageszeitung war eine heftige Argumentation in bierseliger Runde zwischen dem Trödelhändler Gossec und seinem Freund Julius. Gossec war nämlich felsenfest davon überzeugt, dass in München trotz der Lehren aus der Geschichte viele Unverbesserliche ihren rechten Arm wieder in die Höhe recken würden, sollte ein Hitler durch München marschieren. Gesagt getan! Gossec verkleidet sich und begibt sich als Hitler-Double ins Faschingsgetümmel Münchens. Dass die ganze Aktion aus dem Ruder läuft, als er einer Horde Neonazis über den Weg läuft, war natürlich so nicht vorgesehen, ganz zu schweigen von den damit losgetretenen Ereignissen rund um den Mord am Kabarettisten Wolfertshofer.

Der vorliegende Roman firmiert als Kriminalroman, ist gleichzeitig aber auch eine köstliche Parodie auf die herrschenden Münchner Verhältnisse. In einem Schnelldurchgang durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten bekommt jeder sein Fett weg: korrupte Politiker, aalglatte Unternehmer, süchtige Künstler und kahlgeschorene Schreihälse. Der Antiquitätenhändler Gossec kennt sie alle und kann irgendwie mit allen umgehen, was ihm bei der Aufklärung des Falles klar zum Vorteil gereicht.

"Nackige Engel" ist der vierte Roman rund um den grantigen Protagonisten, der seit Beginn im kleinen, aber feinen Portfolio des Kunstmann Verlages geführt wird. Die Münchner haben damit zum wiederholten Male ihr gutes Näschen für Bücher der besonderen Art bewiesen. Allerdings wird der Autor diesen Ruhm öffentlich nicht auskosten können, da er hinter dem Pseudonym "Max Bronski" seine wahre Identität weiterhin konsequent versteckt. Geheimhin wird dahinter der Münchner Künstler Michael Fitz vermutet, was allerdings seinerseits unbestätigt ist. Fitz ist einem breiten Fernsehpublikum bekannt in der Rolle des Carlo Menzinger, der bis 2007 zusammen mit Batic und Leitmayr im Tatort München auf Verbrecherjagd gegangen war.

Der Leser wird keine Seite des mit nur knapp über 200 Seiten leider recht dünn ausgefallenen Büchleins überfliegen. Er genießt das Panoptikum bajuwarischer Eigenheiten und erfährt darüber hinaus noch einiges, was das Leben in München so besonders macht. Die Wirkung des Föhns wird ebenso thematisiert wie das Zusammenspiel zwischen Kunst und Politik, so alljährlich am Nockherberg zum Besten gegeben. Auch beinhaltet die fiktive Böhmerwaldloge letzten Endes wohl doch mehr als nur ein paar Körnchen Wahrheit.

Bronskis Gossec ist das Münchener Pendant zu Frank Demants Simon Schweitzer, der sich in einer ähnlichen Rolle unter die Menschen im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen mischt. Die Reihe um den Münchner Trödler kommt sicherlich mit viel Lokalkolorit daher, was eine Anhängerschaft über die Stadtgrenzen Münchens aber definitiv nicht ausschließt. Herr Bronski, wer immer Sie sein mögen, gerne mehr davon!

Christoph Mahnel
01.03.2010

 
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Das Buch:

Max Bronski:
Nackige Engel. Kriminalroman

Bild: Buchcover Max Bronski, Nackige Engel. Kriminalroman

München: Antje Kunstmann Verlag 2010
208 S., € 16,90
ISBN: 978-3-88897-644-5

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