Krimis & Thriller

Grenzgänger

Vertriebsleiter Lammert hat Probleme. Nächtliche Albträume reißen ihn aus dem Schlaf. Albträume, in denen er von Blaulichtern und Polizeisirenen durch nachtdunkle Landschaften gehetzt wird, abstürzt in schwindelnde Leere, unter zerberstenden Mauern begraben wird, im Feuer verbrennt. Lebensechte Folterträume, aus denen er gepeinigt und schweißbedeckt erwacht und sich dann doch im freundlichen Design des ehelichen Schlafzimmers wiederfindet. Aber die heile Welt der Kleinfamilie im fast abbezahlten Reihenhaus wird immer mehr zur unglaubwürdigen Kulisse seines wahren Wesens, das sich in Tagträumen und Halluzinationen zu erkennen gibt.

In der kleinbürgerlichen Figur des Lammert alias Dr.Jekyll erwacht Mr.Hide zu Leben und Taten. Denn etwas ist geschehen und er ist offenbar eine Hauptfigur in diesem Drama. Aber was ist geschehen? Hat er etwas zu tun mit dem Verschwinden von Katharina W., der jungen rothaarigen Frau, die in einer Dezembernacht von einer Raststätte in Vaterstetten spurlos verschwand? Ein anderer Zeuge will ihn im Gespräch mit der Frau gesehen haben, aber Lammert kann sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Bestimmte Szenenabschnitte sind wie abgespalten, Löcher in seiner Erinnerung. Sein Hirn schaltet auf Panikalarm, wenn er nur an diese Nacht denkt. Er hatte auf dem Heimweg von einer Betriebsfeier tatsächlich an dieser Raststätte Halt gemacht. Schwer alkoholisiert und frustriert von einem fehlgeschlagenen Versuch die knackige Praktikantin anzubaggern. Auf der Flucht vor Polizeikontrollen war er über Nebenstrecken auf einem Waldweg steckengeblieben und musste mühevoll seinen roten Volvo aus dem Matsch graben.

Und nun verfolgt ihn immer wieder derselbe Film, in dem er von Blaulichtern gejagt über nächtliche Straßen rast, verführerische und erschreckende Bilder tauchen darin auf, testosterongesteuerte Männerphantasien, die aus seiner Lendengegend in sein Hirn aufsteigen und nach Entladung drängen, so stürzt er endlich in einem psychedelischen Taumel der Erlösung, der vollständigen Auflösung. Er hört Stimmen! Nicht nur die des Polizisten, die schneidende Stimme der Ordnungsmacht, sondern auch seine eigene Kinderstimme, die angstvoll fleht und schreit. Unter dem strengen Brillenblick der Psychologin kommen Kindheitstraumen zur Sprache. Der gewalttätige Vater, der früh aus seinem Leben verschwand und über den zu sprechen ein Tabu war, steigt als mächtiger Schatten auf. Wir kombinieren, Vaterstetten, so hieß doch der Ort an dem das Übel seinen Lauf nahm!

Lammert beginnt sich zu erinnern. Schmerzhaft steigen Szenen aus der Dämmerung seines Gedächtnisses auf, vermischen sich mit bedrohlichen Halluzinationen. Unter dem Gesteinshagel zusammenbrechender Mauern flüchtet Lammert aus der psychologischen Praxis in die Arme der Ehefrau. Doch der Friede ist dahin. Stein für Stein fällt die Mauer des Verdrängten zusammen. Wird deutlich, wie hinter der Scheinwelt der bürgerlichen Idylle, der guten blonden Ehefrauen, der gesicherten Karriere das Verbotene lauert, das nur schuldhaft und mit Gewalt niedergehalten werden kann. Aber auf der anderen Seite winken rothaarige Hexen.

Brigitte Leeser
01.09.2008

 
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Das Buch:

Jürgen Ahrens:
Schattenzone

Bild: Buchcover Jürgen Ahrens, Schattenzone

Norderstedt: BoD 2008
214 S., € 12,90
ISBN: 978-3-8370-4813-1

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