Krimis & Thriller
David Hunter zum Siebten
David Hunter erhält einen Anruf aus dem tiefsten Nordwesten Englands, um dort bei einem Fall zu unterstützen. Der forensische Anthropologe reist mit dem Auto nach Carlisle an, doch gerät er zu bereits fortgeschrittener Stunde in ein Unwetter, bei dem er sich zu allem Überfluss auch noch verfährt. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich eine Unterkunft für die Nacht zu suchen. Doch in dem kleinen Nest, das in einer Sackgasse in den Cumbrian Mountains liegt, wird David Hunter sofort klar, dass er hier unerwünscht ist. Für die Nacht wird ihm ein ehemaliges Hotel außerhalb der Ortschaft empfohlen. Dort angekommen, trifft er auf ein konfliktgeladenes Ehepaar, das ihm Unterschlupf gewährt. Am nächsten Morgen werden Hunter beim Versuch abzureisen die Ausmaße des Unwetters am Vortag bewusst. Edendale ist vom Rest der Welt abgeschnitten, die einzige Zufahrtstraße unpassierbar und Telefon- und Stromleitungen zerstört. Doch soll der wahre Alptraum für David Hunter erst noch beginnen.
Auf der Suche nach möglichem Handyempfang begibt sich Hunter auf eine Anhöhe in den umliegenden Wäldern. Dabei offenbart sich ihm ein vom Sturm entwurzelter Baum, der ein mit Ästen und Wurzeln versetztes Skelett freilegt. Trotz der gegebenen Widrigkeiten beginnt Hunter sogleich mit seiner Arbeit, denn auf Unterstützung braucht er in den kommenden Stunden, womöglich sogar Tagen nicht zu hoffen. Doch scheinen die Dorfbewohner auch ohne Analyse des Skeletts mehr zu wissen. Ein Generationen umspannender Konflikt hatte vor einigen Jahrzehnten dafür gesorgt, dass mehrere Menschen verschwunden und mutmaßlich getötet worden waren. Im Zentrum dieser Streitigkeiten zwischen zwei Familien steht auch David Hunters Gastgeber. Doch der schweigt sich zunächst lieber aus, als in alten und schmerzlichen Erinnerungen zu schwelgen. Die Stille, die nach dem Sturm über Edendale liegt, ist trügerisch. So treten in den kommenden Stunden weitere Leichen zu Tage, manche frisch, manche gut konserviert.
David Hunter ist zurück! Simon Beckett lässt seinen Protagonisten in "Knochenkälte" wieder von der Leine. Vor knapp 20 Jahren hatte der englische Journalist mit "Die Chemie des Todes" einen Bestseller abgeliefert. Der mit dem eingängigen Cover versehene Premieren-Fall von David Hunter pflasterte hierzulande die Buchläden. Fortan war jede Neuerscheinung von Simon Beckett sehnsüchtig erwartet worden. Anfangs lieferte der Autor noch zügig nach, mittlerweile müssen sich seine Fans immer mehr in Geduld üben. Zwischen "Die ewigen Toten" und "Knochenkälte" waren nun sogar ganze sechs Jahre ins Land gestrichen. Mehrmals mussten angekündigte Erscheinungstermine verschoben werden. In seiner Danksagung zum vorliegenden Buch gibt Beckett dazu auch eine nachvollziehbare Erklärung ab, denn schließlich bedürfen die medizinisch fundierten Beschreibungen im Buch einer sehr sorgfältigen und langwierigen Vorbereitung.
Das vorliegende Buch ist bereits nach wenigen Seiten für den Leser der Beweis dafür, dass Simon Beckett ein Autor der Extraklasse ist. Sein Schreibstil und die atmosphärische Grundierung der Handlung sorgen dafür, dass man als Leser sofort mittendrin im Geschehen ist. Gefangen von der sich peu à peu aufbauenden Spannung möchte man das Buch in den kommenden Stunden nicht aus der Hand legen. Für Vielleser von Kriminalromanen ist "Knochenkälte" eine Wohltat und definitiv ein Kandidat für den Kriminalroman des Jahres 2025. Simon Beckett eröffnet keine Nebenschauplätze, man ist von der ersten bis zur letzten Seite an ebendieser von David Hunter. Die Zeitachse der Handlung ist kompakt gehalten, "Knochenkälte" spielt sich innerhalb von wenigen Tagen in Edendale ab. Zeitsprünge benötigt der Autor nicht, streng monoton hangelt er sich durch die erschütternden Vorkommnisse in dem hinterwäldlerischen Dorf.
In seiner englischen Heimat wird ein Meisterwerk wie Becketts neuestes Buch als "class act" bezeichnet. Auf gut 450 Seiten gelingt dem Autor beinahe alles: Er entführt den Leser in eine zeitlich und örtlich streng limitierte Szenerie, die gekapselt zum Rest der Welt daherkommt. Beckett konstruiert eine Geschichte und darin auftretende Charaktere, die im weiteren Verlauf leichte Wandlungen erfahren. Und darüber hinaus lässt der Autor tief blicken, wenn David Hunter die Knochen liest und daraus seine Schlussfolgerungen ableitet. Schade, dass Simon Beckett nicht jedes Jahr einen neuen "David Hunter" produziert und seine Leser damit beglückt. Doch womöglich ist genau dieser Umstand eine weitere Zutat zum Erfolg dieser Reihe.
Christoph Mahnel
22.12.2025
