Krimis & Thriller

Der «Baron» von Marseille: Ein neuer Held betritt die Krimi-Bühne

Michel De Palma, genannt «Der Baron», ist ein Marseiller Urgewächs, 47 Jahre alt, Opernliebhaber und gerade von seiner Frau Marie verlassen worden. Als Kommandant des Morddezernats hat er viel Schreckliches gesehen und den Glauben verloren. Der Tod ist für ihn jedoch auch nach Jahrzehnten noch immer «das große Rätsel» geblieben. De Palma ist der neue Stern am Krimi-Himmel, der nach seinem ersten, von Xaver-Marie Bonnot erfundenen Abenteuer vom «Großen Jäger» viele andere überstrahlt. Ob er seine Leuchtkraft behält, wird sich aber wohl erst nach weiteren Romanen zeigen.

Auch wer noch nie in Marseille war, kann sich das Treiben in der südfranzösischen Hafenstadt gut vorstellen, wenn er Bonnots Buch gelesen hat. Der Autor, ein gebürtiger Marseiller, bleibt seinem Helden stets dicht auf den Fersen, begleitet ihn ins Büro, zu Tatorten, in die Stammkneipe «Zanzi» und spät abends in sein Zuhause, in dem De Palma die eigene Verzweiflung über sich und die Welt mit lauter Arienmusik zu übertönen versucht. «Du wirst immer verrückter. Immer einsamer», hatte seine Frau in ihrem Abschiedsbrief geschrieben. Und tatsächlich rutscht der Verlassene immer tiefer in die Depression, zumal ihn sein neuester Fall daran erinnert, dass er selbst vor langer Zeit einmal einen Menschen getötet hat.

Das, was De Palma nicht ruhen lässt, sind mehrere grausam verstümmelte Frauenleichen, von einem Unbekannten mit Handabdrücken markiert. Seine Nachforschungen führen ihn in die früheste Lebenswelt der Menschen, denn schon bald werden Verbindungslinien zwischen den Opfern und dem Uni-Institut für Ur-und Frühgeschichte sowie einer Höhle sichtbar, in der wenig zuvor Wandmalereien aus grauen Urzeiten gefunden worden waren.

Auch wenn die Handlung offensichtlich auf bestialische Effekte angelegt ist und der Schluss ein wenig abstrus erscheint, Berufs- und Lebensalltag der Hauptfigur De Palma, seines Kollegenteams, seines Freundes und seiner Frauen sind überaus glaubwürdig geschildert. Die Sympathien der Leser konzentrieren sich auf diesen einsamen Helden, selbst wenn er nicht immer korrekt handelt und selbst eine Leiche im Keller hat. Manchmal versinkt er in dieselbe Melancholie und Resignation wie seine literarischen Kollegen aus dem hohen Norden, dann wieder bricht sich sein südländisches Temperament Bahn - und wilde Entschlossenheit, sich der Übermacht des Bösen entgegen zu werfen.

Susanna Gilbert-Sättele, dpa
13.05.2008

 
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Das Buch:

Xavier-Marie Bonnot:
Der große Jäger

Bild: Buchcover Xavier-Marie Bonnot: Der große Jäger

Wien: Zsolnay Verlag 2008
461 S., € 19,90
ISBN: 978-3-5520-5423-3

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