Krimis & Thriller

Kein bisschen Paradies

Alex und Rosie begeben sich auf den Trip ihres Lebens. Wenige Woche nach ihrem Schulabschluss fliegen die beiden Mädchen aus dem Londoner Umland nach Thailand, um dort ihr Leben zu genießen. Doch schon sehr bald stellt sich heraus, dass die Chemie zwischen den beiden Mädchen fern der Heimat nicht wirklich stimmt. Rosie stürzt sich von einem Party- und Drogen-Exzess in den nächsten und schnappt sich jeden Kerl, der nicht schnell genug Reißaus nehmen kann. Ihre Reisepartnerin Alex, die sich auf Land und Leute gefreut hatte, schiebt zwar großen Frust, traut sich jedoch nicht, auf eigene Faust weiterzureisen. So kommt es in dem Guesthouse, in dem sich die beiden in Bangkok einquartiert haben, zu immer größeren Spannungen und Streitigkeiten. Als ihre Eltern im fernen England tagelang nichts mehr von ihren Töchtern gehört haben, informieren sie die Behörden, die schließlich eine schockierende Entdeckung machen. Bei einem Brand in besagtem Guesthouse werden die Leichen zweier Frauen entdeckt, die Obduktion fördert rasch die traurige Wahrheit zu Tage.

In England wird Detective Bob Sparkes mit diesem Fall vertraut. Zusammen mit seiner Kollegin stürzt er sich in die Ermittlungsarbeit, obgleich seine krebskranke Frau auf der Palliativstation liegt und er sich nur schwer von ihr losreißen kann. Die angebotene Unterstützung durch Kate Waters, eine Journalistin der "Mail" und Bekannte von Sparkes, kommt ihm an dieser Stelle sehr recht. Doch Kate verfolgt parallel zu der brisanten Story noch eine eigene Fährte. Ihr Sohn Jake, eigentlich Jura-Student, reist seit mehreren Monaten durch Thailand und meldet sich nur sehr sporadisch bei seinen Eltern. Angeblich arbeitet er auf einer Insel in einem Projekt. Doch bei ihrer Recherche vor Ort packt Kate das kalte Grausen. Jake Waters war zur selben Zeit wie Alex und Rosie im abgebrannten Guesthouse in Bangkok. Nach ersten Hinweisen scheint er sehr eng in den Konflikt zwischen den beiden Mädchen verwickelt gewesen zu sein. Kates Alptraum einer Mutter nimmt Konturen an, denn Jake, der nach dem Brand urplötzlich von der Bildfläche verschwunden ist, gilt als dringend tatverdächtig im Fall der toten Mädchen.

"Der Trip" lautet der Titel des neuesten Bob-Sparkes-Thrillers aus der Feder von Fiona Barton. Die englische Schriftstellerin hatte ihren Detective zuvor schon in zwei Fällen ermitteln lassen: "Die Witwe" und "The Child" waren 2017 in der deutschen Übersetzung erschienen. Neben Bob Sparkes war Kate Waters in diesen Fällen ebenfalls mit von der Partie. Zwar finden sich in "Der Trip" einige Referenzen zu den beiden Vorgängerromanen, doch lässt sich dieser auch ohne deren Kenntnis problemlos genießen. Auf über 500 Seiten hat Fiona Barton ein Feuerwerk an emotionalen Achterbahnfahrten und überraschenden Wendungen gezündet. Ob der exotischen Verortung des Falles fühlt man sich auch angesichts des Buch-Covers an Alex Garlands "Der Strand" - später mit Leonardo DiCaprio verfilmt - erinnert. Doch die Atmosphäre in "Der Trip" ist deutlich trister, und paradiesische Züge sucht der Leser ebenfalls vergebens. Schließlich konzentriert sich das Geschehen in Thailand auf billige Backpacker-Hostels sowie runtergekommene Krankenhäuser und Gefängnisse in Bangkok.

Die Autorin hat versucht, das hohe Spannungslevel durch die äußere Form zu unterstützen. Die 72 kurzen Kapitel des Buches verteilen sich konsequent auf die drei Akteure: "Der Polizist" Bob Sparkes, "Die Journalistin" Kate Waters und "Die Mutter" Lesley O'Connor, Alex' Mutter. Dazu gesellen sich noch kurze Rückblicke in die letzten Tage von Bangkok aus Alex' Perspektive sowie einige Mails von ihr an eine zu Hause gebliebene Freundin. Fiona Barton hat Kate Waters eine Priorität verliehen, indem sie die Journalistin aus der Ich-Perspektive erzählen lässt, was durchaus eine verstärkte Bindung zum Leser mit sich bringt. Abgesehen vom Mittelteil, der etwas vor sich hinplätschert, nachdem die ersten großen Aufreger überstanden sind und sich die Suche auf den verschollenen Jake konzentriert, ist es der Autorin gelungen, den Leser in einen Strudel zu ziehen, der es diesem nicht erlaubt, das Buch aus der Hand zu legen.

Fiona Barton hat in ihrem dritten Fall in der Bob-Sparkes-Reihe einen Plot gewählt, der viele Leser eben aufgrund der Hintergrundkulisse zugreifen lässt. Mit Thailand, einem Trip ins Ungewisse und Familienschicksalen an allen Ecken und Enden hat die Autorin einen Cocktail mit vielen prickelnden Zutaten gerührt. Auch ist es ihr als "Best Ager" gelungen, die Denke und das Handeln junger hedonistischer Aussteiger gut einzufangen und in den Thriller zu integrieren. Darüber hinaus hat sie die kulturellen Schnittstellen zwischen englischer Mittelschicht und asiatischem Chaos gekonnt umgesetzt und sich für die Handlung zunutze gemacht. "Der Trip" ist ein Abenteuer-Thriller durch fremde Universen, den man als Leser so schnell nicht vergessen wird.

Christoph Mahnel 
16.03.2020

 
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Das Buch:

Fiona Barton: Der Trip. Thriller. Aus dem Englischen von Sabine Lngsfeld

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Reinbek: Wunderlich Verlag 2020 512 S., 16,00 ISBN: 978-3-8052-0008-0

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