Krimis & Thriller

Vom Duft des Todes

St. Jude, ein verwaistes Krankenhaus im Norden von London: Das Abrissdatum der seit Jahren nicht mehr genutzten Einrichtung steht bereits fest. Doch da wird eine mumifizierte Leiche auf dem Dachboden von St. Jude entdeckt. David Hunter, der als forensischer Anthropologe zu diesem Fall hinzugezogen wird, ist rasch klar, dass diese Leiche schon seit sehr langer Zeit hier vor sich hingammeln muss. Doch bleibt dies nicht das einzige Rätsel von St. Jude. Bei der Bergung der Leiche öffnet sich der brüchige Boden des Gebäudes und ein Krankenzimmer tritt zutage. Es besitzt nicht nur keine Fenster, sondern auch keinen Eintrag in den offiziellen Plänen des Krankenhauses. Die Frage, ob diese beiden mysteriösen Funde miteinander in Zusammenhang stehen, wird schnell beantwortet, als in einem Bett des besagten fensterlosen Zimmers eine weitere Überraschung wartet.

"Die ewigen Toten" bzw. im Original "The Scent of Death" lautet der Titel des neuesten Thrillers von Simon Beckett. Der im englischen Sheffield geborene und lebende Erfolgsautor hatte bereits in den Neunziger Jahren erste, noch recht bescheidene Gehversuche als Schreiberling unternommen. Sein Durchbruch gelang ihm schließlich im Jahre 2006, als sein Millionen-Seller "Die Chemie des Todes" die Reihe um den forensischen Anthropologen David Hunter begründete. Um auf der Welle seines Erfolges zu reiten, legte Beckett in kurzer Taktung nach: "Kalte Asche", "Leichenblässe" und "Verwesung" sorgten für einen Hype sondergleichen und stellten Beckett bezüglich seiner Verkaufszahlen auf eine Stufe mit J.K. Rowling. Dann allerdings wurde es geraume Zeit still um Simon Beckett. Abgesehen von einem Non-Hunter-Roman legte er eine siebenjährige Schaffenspause ein, bevor mit "Totenfang" der fünfte Fall vor zwei Jahren erschien und nun in altbekannter Frequenz mit dem vorliegenden Buch der sechste Teil kurzerhand nachgelegt wurde.

Simon Beckett versteht sein Handwerk perfekt. So legt er in "Die ewigen Toten" von der ersten Seite an mit maximaler Lautstärke los, überhäuft den Leser mit derart vielen Rätseln und schaurigen Details, dass dieser vollends angefixt ist und das Buch nicht mehr aus den Händen legen kann. Auf dieser Grundlage baut Beckett anschließend behutsam auf und lässt sich Zeit, um die Geschichte angemessen zu entwickeln. Der Autor hat sich zweifelsohne in der Zwischenzeit zu einem Experten auf dem Gebiet der forensischen Anthropologie entwickelt, sicher und sattelfest in den Fachtermini und der Arbeitsweise eines solchen. Der Leser wird gekonnt bei der Stange gehalten, analysiert fleißig mit und versucht, im Stile des Protagonisten seine eigenen Rückschlüsse aus den Erkenntnissen der Leichenschau zu ziehen.

Obwohl der Tod und seine Abfallprodukte eine zentrale Rolle in Becketts Romanen einnehmen, gelingt es dem Autor ganz hervorragend, diesbezüglich eine angenehme, weil fundierte Erzählebene zu finden, die den Leser ganz und gar nicht abschreckt, so dass die Hunter-Romane trotz ihrer Thematik weit weg von Schocker-Thrillern aus den untersten Reihen der Bücherregale anzusiedeln sind. Dazu trägt natürlich auch der flüssige Schreibstil von Simon Beckett bei. Man merkt schon nach wenigen Seiten, dass hier ein Meister seines Faches am Werk ist. Die Stunden mit Büchern von Simon Beckett vergehen wie im Fluge. Die buchübergreifenden Charaktere aus der Hunter-Reihe werden auch im vorliegenden Werk weiterentwickelt, und auch wenn es eine kleine Referenz auf einen Vorgängerroman gibt, eignet sich "Die ewigen Toten" ohne Einschränkung als Einstieg in eine der faszinierendsten Reihen der belletristischen Gegenwart.

Nachdem sich die Fans von David Hunter zu Beginn dieses Jahrzehnts lange fragten, ob mit dem vierten Teil schon das Ende der Reihe gekommen sei, gibt das rasch aufeinanderfolgende Erscheinen von Numero Fünf und Sechs berechtigte Hoffnung, dass Simon Beckett zu alter Form und Produktivität zurückgefunden hat. Zwar gibt es noch keine offizielle Bekanntmachung eines siebten Teils, doch ist die Hoffnung darauf groß. Simon Beckett hat mit der Verwendung eines Forensikers als Protagonisten seiner Romane ein Genre zur Höchstform auflaufen lassen. Auch wenn er in den vergangenen Jahren viele Nachahmer seines Erfolgsrezepts inspiriert hat, bleibt er unangefochten die Nummer Eins auf seinem Turf. Dies beweist er mit "Die ewigen Toten" auf unwiderstehliche Art und Weise.

Christoph Mahnel 
25.03.2019

 
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Das Buch:

Simon Beckett: Die ewigen Toten. Aus dem Englischen von Karen Witthuhn und Sabine Lngsfeld

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Reinbek: Wunderlich Verlag 2019 480 S., 22,95 ISBN: 978-3-8052-5002-3

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