Krimis & Thriller

Tee mit Kate Atkinson in Edinburgh

Die Stadt nimmt einen sofort gefangen. Denn die Atmosphäre des Einzigartigen und Mysteriösen umweht nicht nur die gewaltige Burg, die über allem thront. Sie prägt auch die mittelalterlichen Gassen und Plätze mit ihren urigen Häusern bis hinunter zum Holyrood Palace der unglücklichen Maria Stuart. «Auld Reekie», die alte Verräucherte, wurde Schottlands Hauptstadt Edinburgh wegen ihres Smog-geschwärzten Sandsteins genannt. Hier ging Ratsherr William Deacon Brodie nachts auf Raubzug ­ als «Dr. Jekyll und Mr. Hyde« setzte ihm Stevenson ein Denkmal. Auch Burns, Scott und Conan Doyle, nicht zuletzt Ian Rankin und Joanne K. Rowling entzündeten sich am Zwielicht der Stadt, die 2004 von der UNESCO den Titel «The World's First City Of Literature» erhielt.

Hier lässt auch Kate Atkinson morden. Die preisgekrönte Autorin führt einige bereits aus «Die vierte Schwester» (2004) vertraute Gestalten in der Kapitale am Firth of Forth zusammen. In ihrem neuen literarischen Krimi «Liebesdienste» reist Ex-Privatdetektiv Jackson Brodie als zu Geld gekommener Frühpensionär mit seiner Freundin Julia Land an, die beim allsommerlichen «Fringe»-Theaterfestival auftreten will. Ein Autounfall bringt jedoch bald nicht nur Jacksons Lebenspläne durcheinander, sondern auch die anderer Personen. Es folgen zudem mehrere unnatürliche Todesfälle. Pechschwarz erscheint wieder die Weltsicht der Autorin, die als Verfasserin tiefer gründender Frauenromane («Familienalbum», 1995) bekannt geworden ist. Sie weiß erneut Mord und Verrat, Familienelend und Einsamkeit mit wachem Witz zu kredenzen.

«Der Geist Edinburghs inspiriert meine Arbeit allerdings nicht im geringsten», behauptet Atkinson munter beim Tee im Hotel Prestonfield House am Rande der Stadt. In diesem opulent ausgestatteten Barockschloss empfängt die Bestsellerautorin gern Besucher. «Ich lasse die Geschichte hier passieren, weil ich die Stadt kenne, denn ich lebe hier seit 12 Jahren ­ und auch das nur, weil meine beiden Töchter und zwei Enkelkinder hier sind», sagt die gelernte Literaturwissenschaftlerin (56) und lässt Goldschmuck mit großen Steinen auf Seychellen-gebräunter Haut glitzern. «Mein Herz schlägt für Yorkshire, wo ich herkomme. England und Schottland sind völlig verschiedene Kulturen. Ich werde die Schotten nie verstehen.»

Begreifen würde sie auch nicht, warum viele ihre Romane als pessimistisch und familienfeindlich bezeichneten. «Ich finde meine Bücher eher heiter. Es gibt doch reichlich Liebe in ihnen», sagt die Autorin. «Allerdings glaube ich immer noch, wie im Märchen müssen die Guten belohnt, die Bösen bestraft werden. Und menschliche Beziehungen sind eben schwierig, besonders innerhalb von Familien.» Sie selbst sei - ohne erkennbare Gründe ­ ein todunglückliches Kind gewesen.
«Das änderte sich erst mit etwa 40, als ich meinen ersten Roman "Familienalbum" schrieb. Der kreative Prozess war mein Exorzismus: Ich habe gemerkt, da ist etwas, was ich kontrollieren kann», sagt die Frau, die heute ­ finanziell unabhängig - von den schönen Dingen des Lebens stets «das Beste» wählt.

«Vermutlich war ich so schreckensgeplagt, weil ich ein Einzelkind war», meint Atkinson, Tochter von Sanitärbedarfshändlern, und wird vehement: «Die Kleinfamilie ist eine schlechte Erfindung. Wir sollten im Stämmen leben ­ es sollte für ein Kind viele Cousins, Tanten, Großeltern geben.» Doch eigentlich ginge es ihr gar nicht um soziale Kommentare zum Thema Familie, sondern um originelle Geschichten, die sie eher naiv erzähle. Im privaten Leben bedeuten der zwei Mal geschiedenen Single-Lady ihre Töchter und Enkel ohnehin alles: «Ich bin eine dominante Mutter. Meine Familie ist das einzige, was mich wirklich interessiert. Viel eher verliere ich eines Tages das Interesse am Schreiben.»

Doch erst einmal sollten sich Atkinson-Fans mit dem melancholischen Brodie, seiner flatterhaften Julia, dem höchst harmlosen Krimischriftsteller Martin, dem abgewrackten Stand-Up- Comedian Richard Moat, dem Honda-Mann, der so scharfzüngigen wie gebeutelten Ehefrau Gloria Hatter ­ Kate Atkinsons Alter Ego ­ und all den anderen, meist facettenreich geschilderten Charakteren auf die gepflasterten Straßen von Edinburgh begeben, den Dudelsackpfeifern zuhören und die eine oder andere Aufführung des «Fringe»-Festivals besuchen. Denn die City Of Literature hat zwar kein weiteres Stück Weltliteratur hinzugewonnen, aber einen ehrenwerten Unterhaltungsroman echt britischen Schlages.

Ulrike Cordes, dpa
05.03.2007

 
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Das Buch:

Kate Atkinson:
Liebesdienste

Bild: Buchcover Kate Atkinson, Liebesdienste

München: Droemer Verlag 2007
492 S., € 19,90
ISBN: 978-3-426-19753-0

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