Kinder- & Jugendbücher

Durch ein Zeitloch ins alte Granada

Den Tag, an dem er auf dem arabischen Touristenmarkt in Granada eine steinalte Fliese entdeckt, wird Boston nie vergessen: Eben noch auf Klassenfahrt mit dem Spanisch-Kurs, findet er sich plötzlich im Jahr 1492 wieder. Inmitten einer Stadt, in der das jahrhundertelange friedliche Zusammenleben von Arabern, Juden und Christen gerade aufgekündigt wird. In ihrem neuen Jugendroman «Alhambra» entführt Kirsten Boie ihren Helden Boston mitten in die Zeit der Inquisition, die wie eine ansteckende Krankheit scheinbar wahllos ihre Opfer sucht.

Zeitreisen sind seit längerem angesagt in der Kinder- und Jugendbuchwelt. Ein geheimnisvolles Buch, ein hohler Baum oder eben eine alte Fliese öffnen das Tor in längst vergangene Zeiten. Doch nicht immer ist das, was dann folgt, so packend erzählt und zugleich historisch so spannend. Einmal mehr zeigt Kirsten Boie, dass in Sachen Vielseitigkeit so leicht niemand an sie heran reicht - kaum ein Jahr, nachdem der wunderbare «Kleine Ritter Trenk» und sein Knappen-Alltag selbst lesefaule Achtjährige mit altersgerechter Sprache aufs Sofa fesselte, hat die vielfach ausgezeichnete Autorin nun wieder die etwas Älteren im Blick.

Die Geschichte inmitten der erbitterten Glaubensfehden zu Beginn der Neuzeit ist hier vor allem die Geschichte einer Freundschaft. Denn ohne den Beistand des Judenjungen Salomon und des jungen Arabers Tariq könnte Boston in Zeiten, in denen alles Unbekannte flugs zum Teufelszeug deklariert wird, höchstens Tage überleben. Aus einer zufälligen Schicksalsgemeinschaft - denn sie alle drei müssen den Großinquisitor der christlichen Königin Isabella aus verschiedenen Gründen fürchten - wird ein Füreinander-Einstehen, das schließlich sogar Zeitgrenzen überwindet.

Kirsten Boie kam auf einer Reise nach Granada, wo die maurische Kultur bis heute sichtbar ist, auf die Idee zu diesem Buch über die Epochenwende im Jahr 1492, in dem Columbus Amerika entdeckte. «Aber ich war ein bisschen beschämt, wie wenig ich vorher darüber wusste.» Der Leserschaft von «Alhambra» wird diese Geschichtslektion über die katholische Inquisition als «Musterbeispiel des religiösen Fanatismus» (Boie) quasi im Vorbeilesen vermittelt. «Literatur begegnet man mit größerer Anteilnahme als Geschichtsunterricht, Analysen, nackten Fakten», ist Boie überzeugt. Im atmosphärisch dichten «Alhambra» dürfte das erneut gelingen.

Andrea Barthelemy, dpa
10.09.2007

 
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Das Buch:

Kirsten Boie:
Alhambra

Bild: Buchcover Kirsten Boie, Alhambra

Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger 2007
432 S., € 17,90
ISBN: 978-3-7891-3170-7

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