Kinder- & Jugendbücher

Jugend im Holocaust

"Ihre erste Frage ist: ‚Wisst ihr, wo wir Trinkwasser herbekommen?’ Es gibt kein Wasser im Lager, klären uns Hindi und Suri auf. Es gibt schwarzen Kaffee in der Früh und Suppe am Abend. Tagsüber trinken die Lagerinsassen aus dem See. ‚Dem See? Wo ist er?’ Mami will auf der Stelle hingehen. Suri und Hindi führen uns zu einer großen Pfütze, einem Loch im Boden, das mit trübem Wasser gefüllt ist. Es hat einen unangenehmen Geruch. ‚Davon sollen wir trinken? Es ist faulig! Es ist dreckig! Es stinkt!’ Voll Schrecken sehe ich meine Kusinen an. ‚Ihr habt wirklich davon getrunken?’ ‚Ja, wir alle. Es gibt nichts anderes. Wenn du durstig genug bist, ist es dir egal.’

Elli Friedmann wird im März 1945 mit ihrer Familie nach Auschwitz verschleppt. Die Schulzeit, die Träume des 13-jährigen Mädchens, die Lebensperspektiven, sind mit einem Schlag auf das nackte Überleben reduziert. Elli Friedmann schildert schnörkellos und deshalb so unglaublich eindringlich und dicht, wie sie versucht zu überleben und welche Solidarität noch möglich ist.

Ein Zug transportiert jüdische Frauen aus dem Konzentrationslager, es wird beschossen, viele Menschen sterben auf dem Weg in die Freiheit. In Seeshaupt bleibt der Zug stehen, die Amerikaner öffnen die Türen. Eine Frau tritt an das junge überlebende Mädchen heran: "Wir haben ja von nichts gewusst. Wir hatten doch keine Ahnung. Sie müssen mir das glauben. Haben Sie auch so hart arbeiten müssen?" "Ja", flüstere ich. "In Ihrem Alter war das sicherlich schwierig." In meinem Alter. Was meint sie damit? "Wir haben kaum etwas zu essen bekommen. Es war schwierig wegen des Hungers. Nicht wegen des Alters." "Ich meinte, es ist bestimmt schwierig gewesen für ältere Menschen." Für ältere Menschen? "Was denken Sie, wie alt ich bin?" Sie mustert mich zögernd. "Sechzig? Zweiundsechzig?" "Sechzig? Ich bin vierzehn. Vierzehn Jahre alt." Sie schreit auf, bekreuzigt sich. – Deutlicher kann der Schrecken nicht gezeichnet werden als in der Rückschau von Elli Friedmann, dem Mädchen mit den Träumen aus der Slowakei, die 1951 in die USA und nach Israel ausgewandert ist.

Ein Buch, das notwendig ist. Nur wer sich der Geschichte bewusst ist, auch ihrem ganzen Schrecken, wird Anzeichen rechtzeitig erkennen und den Mut finden, sich zu wehren. Im Anhang findet sich eine Zeittafel – die Chronologie des Grauens. Ein ganz wichtiges Buch.

csc
29.12.2004

 
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Das Buch:

Livia Bitton-Jackson:
1000 Jahre habe ich gelebt. Eine Jugend im Holocaust

Bild: Buchcover Livia Bitton-Jackson, 1000 Jahre habe ich gelebt

Stuttgart: Verlag Urachhaus 2004
224 S., € 12,50
ISBN: 3-7251-7452-2

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