Kinder- & Jugendbücher

Haarsträubende Abenteuer

Molly Moon ist zehn Jahre alt und lebt seit sie denken kann im Waisenhaus Hardwick House im kleinen Städtchen Briersville. Ihr Leben ist weitgehend unerfreulich: Mollys Tage werden beherrscht von der tyrannischen Heimleiterin Miss Adderstone, sie leidet unter der ungenießbaren Kost der Köchin Edna und wird gepiesackt von den älteren Mitbewohnern des Heims, die sie wegen ihrer stechenden grünen Augen hänseln und sie gerne “Schlaftablette” nennen. Auch der Unterricht bei der unfähigen Lehrerin Mrs Toadley ist ihr nur eine Qual. Diesem trübsinnigen Leben entzieht Molly sich durch phantastische Tagträume sowie Gespräche und Spiele mit ihrem einzigen Freund und Leidensgefährten Rocky. Ihr Lieblingszeitvertreib besteht im Nachspielen von Werbespots, deren Produkte und Darsteller die beiden Waisen bewundern, weil sie alles repräsentieren, was sie sich für ihr eigenes Leben wünschen.

Als sich nun wieder einmal alles in Mollys kleiner Welt gegen sie zu wenden scheint und zu ihrem größten Entsetzen auch noch Rocky überraschend von einem amerikanischen Ehepaar adoptiert wird, findet sie per Zufall in der öffentlichen Bibliothek – ihrer heimlichen Zuflucht – ein geheimnisvolles altes Buch über Hypnose. Sofort erkennt Molly die einmalige Chance, die ihr dieser Fund bietet. Sie entfernt es unerlaubt aus der Bücherei, obwohl sie Zeugin ist, wie der unsympathische amerikanische “Professor” Nockman auf der Suche nach eben diesem Buch die Bibliothekarin unter Druck setzt.

Bei ihrer heimlichen Lektüre entdeckt Molly sehr rasch, dass sie ein Naturtalent in Sachen Hypnose ist. Ohne die geringsten Schwierigkeiten gelingt ihr, genau die Anweisungen ihres Lehrbuches befolgend, die Hypnose des Schoßhündchens der Heimleiterin, das sie zu ihrem neuen Freund und Verbündeten macht. Alles weitere ergibt sich für Molly nun fast von selbst: Dank ihrer besonderen Fähigkeiten “verwandelt” sie zuerst die Heimleiterin in eine ihr ergebene Sklavin, lässt die Köchin zur ambitionierten Anhängerin der italienischen Küche werden und ergattert schließlich den ersten Preis im örtlichen Talentwettbewerb, indem sie das gesamte anwesende Publikum und die Jury hypnotisiert. Mit dem Preisgeld von 3000 Pfund begibt Molly sich sofort nach New York, wo sie ihren Freund Rocky zu finden hofft. Was sie in diesem Moment noch nicht weiß: der vermeintliche amerikanische Professor aus der Bibliothek ist ein ziemlich mieser Gauner, der sich nun an ihre Fersen heftet um in den Besitz des Hypnosebuchs zu kommen, mit dessen Hilfe er seinen größten Coup landen will.

Was nun an haarsträubenden Abenteuern in der Millionenstadt New York folgt, lässt sich mit wenigen Worten nicht wiedergeben: Molly hat aufgrund ihrer hypnotischen Fähigkeiten überhaupt keine Schwierigkeiten, sich ihren Traum vom Leben als superreicher, superbeliebter Broadwaystar zu erfüllen. Sie wird zwar Opfer des gemeinen Mr Nockman, findet aber gerade im richtigen Moment und ohne weitere Probleme ihren Freund Rocky wieder. Mit dessen Hilfe setzt sie nicht nur Nockman außer Gefecht, sondern führt auch ihre eigene Geschichte und die Verhältnisse im Waisenhaus in Briersville zu einem glücklichen Ende.

 “Molly Moon” basiert auf einer originellen Idee und die rasanten Abenteuer der jungen Heldin lassen dem Leser kaum eine Verschnaufpause. Manch jugendlicher Leser fühlt sich zur netten Molly und ihren Hypnosetricks sicher hingezogen. Aber um wirklich aufregend und fesselnd zu sein, läuft in Mollys Geschichte eigentlich alles viel zu glatt, zu planmäßig für die erst zehnjährige Heldin: Ein unglaubliches Ereignis folgt wie selbstverständlich aufs andere, ähnlich der Feststellung: “Nach dem November kam der Dezember” (erster Satz des 20. Kapitels). Gelegentliche Zweifel an ihrem Tun, kleinere Schwierigkeiten bei der Umsetzung ihrer Pläne sind von der Autorin mit Hinblick auf die letztendliche Moral der Geschichte sehr durchschaubar eingesetzt und erzeugen keine echte Spannung. Darüber hinaus sind alle “schlechten” Charaktere ausnahmslos an ihrem fiesen Aussehen und ihren manchmal geradezu ekligen Angewohnheiten zu erkennen (im Englischen wird das durch ihre “sprechenden Namen” noch verstärkt), andere Erwachsene, die von Molly problemlos für ihre Zwecke benutzt werden, bleiben schlicht farb- und konturenlos. Besonders “abenteuerlich” werden die Ereignisse, als sich herausstellt, dass auch Mollys Freund Rocky die Kunst der Hypnose beherrscht und sogar die bis zum Schluss so unwichtige Bibliothekarin in dieser Hinsicht ein Wörtchen mitzureden hat.

mls
19.09.2003

 
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Das Buch:

Georgia Byng:
Molly Moon

Bild: Buchcover Georgia Byng, Molly Moon

München, Wien: Carl Hanser Verlag 2003
352 S.
ISBN: 3-446-20297-8

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