Kinder- & Jugendbücher

Ciao, Tristesse !!!

Ein Vater, der wegen einer Jüngeren abgehauen ist und sich kaum noch blicken lässt, eine Mutter, die sich zwanghaft an ihren neuen Partner klammert und diesen gegen allerlei Widerstände in die Restfamilie integrieren möchte, zwei ältere nervende und zickige Schwestern und mittendrin die 14-jährige Heldin Rebekka, die neben all den familiären Herausforderungen auf einen Schlag mit den Problemen der Pubertät konfrontiert wird: die fehlende erste Periode, eine krumme Nase und Pickel, Wünsche und Ängste und vor allem die Irrungen und Wirrungen der ersten Liebe.

Rebekka, die Ich-Erzählerin, schwärmt schon lange für den acht Jahre älteren Adrian, den süßen Fahrradkurier aus der Wohnung über ihr. Doch der kann mit einem Mädchen ihres Alters leider nicht viel anfangen, und dann entwickelt sich die ältere Schwester Ellen auch noch zur Hauptkonkurrentin und bedroht das imaginierte Liebesglück. Rebekka rettet sich in Tagträume, in die jedoch zu allem Überfluss der 16-jährige Luca hineinplatzt, der – zwar ein Angeber und Großmaul – ernsthaft ein Auge auf sie geworfen hat. Aus anfänglicher Abneigung wird langsam so etwas wie Sympathie, doch Rebekka, die neben der Schule Werbung im Hörfunk macht und sich neuerdings auch auf ein Fernseh-Casting vorbereitet, spielt die Rolle der Unnahbaren zu perfekt und behandelt Luca zuweilen wie Dreck. Als sie sich zu spät bewusst wird, dass er doch der Richtige ist, hat dieser sich bereits gelöst und anderweitig orientiert. So heißt es nach einem verpatzten Vorsprechen nicht nur Adieu, Fernsehrolle, sondern zum Schluss auch Ciao, Amore!

Soviel zum Plot von Christian Bienieks 2002 in der Jugendreihe PepperMind des Egmont Franz Schneider Verlags erschienen Buches Ciao, Amore!, der Fortsetzung von Knutschen erlaubt. Damit hat Bieniek auch in diesem Fall, wie in all seinen Büchern seit seinem viel beachtetem Debüt mit Immer cool bleiben (1993), das Rad nicht neu erfunden. Sein Thema war und ist der Alltag von Kindern in einer an Schwierigkeiten nicht armen Zeit und Umwelt: zerbrochene Familien, Scheidung, Pubertät, Drogen, aufkeimende Sexualität und fast immer dreht sich alles um die erste, meist unglückliche Liebe. Seine Figuren sind dabei – und das ist ein erster Pluspunkt für Bieniek – Kids und Teens aus dem Hier und Jetzt, authentisch eingebettet in die aktuelle mediale Alltagswelt und ausgestattet mit all den für Erwachsene so eigentümlichen Marotten.

Bücher, die um die angesprochenen Themen kreisen, wurden und werden in der Regel als Problembücher bezeichnet und sind eher als schwergewichtige und tiefsinnige Kinder- und Jugendromane konzipiert. Doch nicht so bei Bieniek! Er setzt bewusst auf Unterhaltung und Tempo, kombiniert die spritzigen Dialoge mit einer immer wieder überbordenden Sprach- und Situationskomik und schreibt auf eine schnell funktionierende Pointe hin. Dass ihm mitunter auch einmal ein Kalauer herausrutscht, sei ihm verziehen. Das Besondere an Bieniek ist also die Art und Weise, wie er seine Geschichten erzählt. Er liefert Comedy nach Vorbild der amerikanischen Sitcoms, versiert und professionell geschrieben. Da profitiert er von seinen Erfahrungen als Hörspielautor für den Hörfunk und als TV-Sketcheschreiber, unter anderem für Harald Juhnke und Hella von Sinnen. Überhaupt steht Bieniek für einen neuen Autorentyp, der in den letzten 10 Jahren verstärkt Einzug in die Kinder- und Jugendliteratur hält: Er ist primär ein Rundfunkautor, ein Medienautor. Prominente Beispiele aus dem Bereich der Literatur für junge Erwachsene sind Benjamin von Stuckrad-Barre und Alexa Henning von Lange, die beide zuvor fürs Fernsehen gearbeitet haben. Und auch Bieniek ist mit seinem Konzept der Unterhaltung und Comedy schnell zu einem Star in der Kinder- und Jugendbuch-Szene aufgestiegen.

Betrachtet man Ciao Amore! als ein Zwischenergebnis im Schaffen Christian Bienieks, dann kann man über die beschriebenen Kontinuitäten hinaus eine entscheidende Entwicklung im positiven Sinne feststellen. Bei seinem Frühwerk, bei Immer cool bleiben (1993), Svenja hat’s erwischt (1994) und vor allem bei Lacki sisters – und ob! (1997), überdreht er zuweilen die Schraube des Komischen. Dann steigert er das Prinzip der Comedy so stark, dass seine Romane zwar einige völlig problembeladene Protagonisten zeigen, doch keines der Probleme wird auch nur ansatzweise ernstgenommen. Die Handlung erscheint nur noch als sekundär, was zählt ist der running-gag. Alle werden fertiggemacht, jeden erwischt es einmal, das Grundkonzept der Spaßgesellschaft hält Einzug ins Kinder- und Jugendbuch. Das eigentlich positiv zu bewertende Konzept der Vermittlung durch Unterhaltung wird durch seine Übersteigerung inhuman, eine unglaubliche Kälte zu den Romanfiguren tritt zu Tage. Seit einigen Jahren sind Veränderungen festzustellen. Bieniek arbeitet an der richtigen Dosierung, seine Kinder- und Jugendbücher verstehen sich zunehmend als Bindeglied zwischen dem themenzentrierten, ernsten und dem allein unterhaltenden Kinderroman. Bei Ciao Amore! bewältigt er diese schwierige Aufgabe mit Bravour, wovon besonders das allabendliche Gesprächsritual zwischen Rebekka und ihrer Schwester Sophie vor dem Einschlafen zeugt. Ernsthaftigkeit, Ehrlichkeit und Wärme zu den Figuren, gepaart mit Witz, Schlagfertigkeit und Tempo. Von dieser Kombination kann man als Leser nicht genug kriegen.

sth
07.06.2002

 
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Das Buch:

Christian Bieniek:
Ciao, Amore!

Bild: Buchcover Christian Bieniek, Ciao, Amore!

München: Egmont Franz Schneider Verlag
(Reihe PepperMind) 2002
156 S.
ISBN: 3-505-11845-1

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