Gedichtbände

Romantische Grenzüberschreitungen

Der Titel der Sammlung von Hans Claßen – “Mondlicht fiel auf Blütenstaub. Romantische Spuren” - hätte vom Autor, der sich in diesem Buch zur romantischen Dichtung ausdrücklich bekennt, nicht treffender gewählt werden können. Die für die Romantik so typische Atmosphäre des Diffusen, Verschwommenen, der gleitenden Übergänge, die die Verwandlung der Welt mit sich bringt und bekannte Gegenstände in ein traumhaftes Licht taucht, ist in den wenigen Worten des Titels prägnant eingefangen. Der Mond, der zu den Lieblingsrequisiten der romantischen Lyrik zählt und eher einen symbolischen als realen Charakter hat, steht gleichnishaft für die Überschreitung der Grenze hin zum Wunderbaren und Mystischen. Er stiftet Verbindung zur Nachtseite der Natur, die für die Romantiker Quelle unendlicher Geheimnisse und schöpferischer Inspiration ist, und eröffnet einen Stimmungsraum, in dem ein intuitiver, unbewußter Zugang zur Welt und zur Poesie möglich wird.

Die Traumatmosphäre wirkt im Titelbild umso eindringlicher, als hier vom Mondlicht die Rede ist, von einem schimmernden Reflex also, den das Gestirn auf den Dingen hinterläßt. Auch der Blütenstaub weckt die Vorstellung von etwas Zartem und Zerbrechlichem, von beinahe Irrealem. Es könnte der Eindruck entstehen, als würden in dieser Gedichtsammlung die gängigen Topoi der Romantik aufgenommen, um die einst vorherrschenden ästhetischen und philosophischen Vorstellungen wieder lebendig werden zu lassen. Dieser Deutung wirkt jedoch der Untertitel - “Romantische Spuren” – entgegen, der das Gewicht vom unmittelbar Vergegenwärtigenden auf das Erinnernde verlegt. Nicht der poetische Stil der Romantik und ihr zeitgebundenes Kunstverständnis stehen hier im Vordergrund, sondern die Perspektive eines heutigen Zeitgenossen, der die romantische Tradition schätzt, sie jedoch in den Kontext der modernen Kunst- und Wirklichkeitsauffassung stellt. Eines der bemerkenswerten poetischen Verfahren und damit das eigentlich Innovative der Sammlung besteht gerade darin, daß typisch romantische Motive mit unserer Wirklichkeit konfrontiert werden und neues Licht sowohl auf die Romantik als auch auf unsere Realität werfen. Der geheimnisvolle Wald, die Stille, die Einsamkeit, die Nacht, die alte Mühle, die blaue Blume und der Traum vom Unendlichen, die Sehnsucht nach der Ferne und der Aufhebung der Grenzen – um nur einige der geläufigen romantischen Topoi zu nennen: Sie alle erfahren eine Verwandlung, verlassen den Bereich des Eindeutigen und gehen in die im Titel bereits anklingende nuancenreiche Zwischenzone über, in der die künstlerischen Entdeckungen dieser Sammlung stattfinden.

avv
24.09.2003

 
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Das Buch:

Hans Claßen:
Mondlicht fiel auf Blütenstaub

Frankfurt/M.: Fouqué Literaturverlag 2001
141 S.
ISBN: 3-8267-4964-2

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