Gedichtbände

Reimerei, Viecherei – grenzt das an Zauberei?

Irmela Brenders neueste Gedichtsammlung ist eine Aufforderung zum Spiel. Zum schöpferischen Spiel mit Wörtern und Reimen, bei dem jeder mitmachen kann, weil eine "Spielanleitung" mit sinnfälligen Beispielen gleich mitgeliefert wird – in Versen selbstverständlich. Wörter lassen sich – "Simsalabim … und Sumsalabum" – gegen den Strich lesen oder verwandeln, neu erfinden und womöglich sammeln, ihre überraschend vielfältige Wirkung ausprobieren, durch Reim und Rhythmus intensivieren! Oder, wie es in den Originalversen heißt: "Buchstaben werden jetzt verdreht,/ vertauscht, von hier nach da geweht."

Anschaulicher kann eine Poetik für Kinder gar nicht geschrieben werden! Die spritzigen Verse dieses ersten, denkbar knappen Kapitels "Mit Wörtern spielen – selber reimen" warten nur darauf, dass ein junger Leser sie in den Mund nimmt und auf der Zunge zergehen lässt. So ein Gebilde wie "Bärentraubenblättertee" – ist das nicht wunderbar?
Wunderbar phantasievoll sind auch die kleinen Zeichnungen und Vignetten von Verena Ballhaus zu den einzelnen Texten; sie unterstützen auf ihre Weise den spielerischen Grundcharakter besagter Sammlung. Ein Detail am Rande, weil es so schön ist: Ein jeder Kapitelanfang wird dadurch zu einem echten Blickfang, dass der jeweiligen Kapitelüberschrift so zu sagen ein ikonisches Inhaltsverzeichnis an die Seite gestellt wird. Anders ausgedrückt: Sämtliche Gedichte eines Abschnitts erscheinen durch das ihnen im Folgenden zugeordnete Bild repräsentiert, wodurch es möglich wird, (nach einer aufmerksamen Lektüre) interessante Querverbindungen herzustellen.

Es folgen in acht weiteren Kapiteln locker aneinander gefügt Gedichte, die bald primär thematisch (Spielzeug, Kartengrüße, Vor dem Einschlafen, Vom Streiten, Nachbarn), bald primär formal geordnet erscheinen (Limericks, Geschichten in Gedichten). Eine Art Gelenkfunktion kommt dem dritten Kapitel "Quatsch und Tratsch" zu, das übrigens gar nicht so aberwitzig ist, wie der Titel glauben macht; es führt Gedanken des ersten Kapitels fort, und zwar insbesondere unter dem Gesichtspunkt, wie ein Gedicht überhaupt entstehen kann. Was indes die 47 Einzeltexte verbindet und so auch den Zusammenhalt der vorliegenden Edition garantiert, ist ihr ausgeprägter Mitmach-Charakter. Die jungen Leser werden in der ihnen eigenen psycho-seelischen und intellektuellen Lebenswelt angesprochen und durch sanfte, lustige, verwegene oder nachdenkliche Botschaften dazu animiert, das im ersten Kapitel Erlernte, nein Erspielte poetisch weiter zu spielen. Leseanweisungen und Verständnishilfen sind hierbei ebenso stimulierend wie einfache Definitionen, beispielsweise von Limericks, Anregungen zum freien Weiterdichten oder ganz einfach Worte, die zum Träumen einladen: "Ein Kind träumt ihn jetzt und staunt morgen früh:/ Es war wie ein Märchen, nur stimmte es nie,/ und eine Figur passte gar nicht dazu./ Wer war das? Träum nach! Und vielleicht weißt das du."

Einziger Kritikpunkt an diesem für Kinder ab 10 Jahren überaus empfehlenswerten Büchleins: Mag zuweilen der Rhythmus variiert werden – der eingängige, sprachlich schlichte Paarreim scheint nicht immer die beste Lösung darzustellen. Gerade im Falle der inhaltlich komplexeren "Geschichten in Gedichten" wäre es möglich und auch sinnvoll gewesen, eine variablere Formensprache zu gebrauchen, die sich selbst reflektiert und so Gedanken des ersten Kapitels aufgreift und weiterentwickelt.

gda
24.01.2003

 
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Das Buch:

Irmela Brender:
War mal ein Lama in Alabama

Bild: Buchcover Irmela Brender, War mal ein Lama in Alabama

Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger 2001
95 S., € 12,00
ISBN: 3-7891-3132-6

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