Gedichtbände

Reflektion des aktuellen Zeitgeistes

"Volkskultur" und "Volkslyrik" waren bereits im Zeitalter der Romantik von den Gebrüder Grimm, Clemens Brentano, Luise Hensel und anderen für sammelwürdig gehalten und aufgezeichnet worden. Doch bereits im späten 19. Jahrhundert durch die bürgerlich-klassische Kultur zurückgedrängt und vereinnahmt und in den 1930er Jahren durch den Nationalsozialismus ideologisch überfremdet, führte die Volkskultur nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Schattendasein und zeigte sich vornehmlich in Heimatfilmen und in folkloreähnlichen Trachtenumzügen. Erst seit wenigen Jahrzehnten finden die „Volkskultur“ und „Volkslyrik“ – freilich oftmals unter anderer Bezeichnung – wieder eine zunehmende Beachtung und Wertschöpfung in der Öffentlichkeit, den Medien und in Wissenschaft und Forschung.

Rückgriff auf die Romantik ohne zu romantisieren 

Diese zunehmende Beachtung und Wertschöpfung zeigt sich in der Gedichtedition der Frankfurter Bibliothek, die sicherlich auch einen Anteil an dieser Entwicklung hat. Denn bereits zum achten Mal greift die Frankfurter Bibliothek die Vorstellung der Romantik von der Bedeutsamkeit der "Volkslyrik" auf. Zum zweiten Mal in Folge bietet die Frankfurter Bibliothek dabei den Autoren die Möglichkeit, ihre Gedichte online einzureichen, was sich zunehmender Beliebtheit unter den zahlreichen Verfassern erfreut und das erfolgreiche Zusammenwirken von "alten" und "neuen" Kommunikationsmöglichkeiten deutlich macht. Dies bedeutet auch, dass die vorliegende Gedichtedition mit dem Rückgriff auf die Auffassung der Romantik über "Volkslyrik" keineswegs eine romantisierende Vorstellung einer vermeintlichen Idylle des vorindustriellen Zeitalters zusammen mit Fortschrittsfeindlichkeit verbindet. So versteht die Frankfurter Bibliothek unter "Volkslyrik" die Dichtung der in der heutigen Zeit lebenden Menschen für genau diese. Die heutige Zeit und vor allem ihr Alltag haben wenig gemein mit den Verhältnissen der Romantik vor 250 Jahren, wenn sich auch gewisse Kontinuitäten feststellen lassen. So bedeutet "Volkslyrik" keinesfalls die Flucht vor Modernität und (vermeintlicher) gesellschaftlicher Entwicklung, sondern vielmehr kritische Auseinandersetzung mit allen Aspekten des menschlichen Zusammenlebens und ihren Folgen in literarischer Form.

Deutlich wird dies in den einzelnen, in der Frankfurter Bibliothek abgedruckten Gedichten, die einen Querschnitt durch die lyrische Gesamtkultur bieten. Diese von deutschsprachigen Autoren jeden Alters aus aller Welt verfassten Dichtungen behandeln, unterteilt in drei Kategorien (Das Erbe, Das Zeichen und einer dritten, frei wählbaren), Themen wie Krieg gegen den Terror und Auseinandersetzung mit Gott, Globalisierung und Umweltverschmutzung, Liebe und Freude und Tod und Trauer aus höchst unterschiedlichen Perspektiven.

Weit mehr als nur "einfache" Gedichte 

Dabei bietet die Frankfurter Bibliothek Autoren ein Forum, um sich und ihre vielfältigen Gedanken, Hoffnungen, Wünsche und Ängste auf künstlerische Art und Weise einem großen Publikum mitzuteilen. Einige Gedichte allerdings sind nicht nur an eine breite Masse gerichtet, sondern auch und vor allem speziellen, den Autoren wichtigen Menschen, gewidmet und stellen damit eine besondere Kommunikationsform dar. Für die Leser hält die Frankfurter Bibliothek einen umfangreichen Überblick über moderne "Volkslyrik" bereit, ein hoffentlich langes Lesevergnügen und Zerstreuung, aber auch sicherlich die eine oder andere intellektuelle Anregung und Möglichkeit der Auseinandersetzung mit den niedergeschriebenen Versen.

Mag auch die Sprache der einzelnen Gedichte zwischen derb und fein schwanken, mögen einige der Gedichte der traditionellen Versform folgen, andere eine ganz neue entwickeln, einige Gedichte beim Leser auf Bewunderung stoßen, andere wiederum auf tiefe Ablehnung, mögen auch alle Gedichte Unikate sein, so haben sie doch – und das ist das Entscheidende – eines gemeinsam: Sie zeigen ein Bild von den Menschen und ihrer Umwelt und reflektieren den aktuellen Zeitgeist sowie die Befindlichkeiten und Mentalitäten der Autoren, wie es – besonders in seiner häufig dargelegten Offenheit und Deutlichkeit – zumindest in literarischer Form nirgendwo sonst zu finden ist. Damit stellen sie einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der heutigen Welt und der Menschen dar und machen gerade den Reiz dieser Gedichtedition aus.

Hiob A. Ludwigssteiger
22.01.2008

 
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Das Buch:

Frankfurter Bibliothek:
Jahrbuch für das neue Gedicht. Das Erbe, Das Zeichen. Gedicht und Gesellschaft 2008, hrsg. von Julius Graf von Hirschsprung

Bild: Buchcover Frankfurter Bibliothek 2008

Frankfurt a.M.: Brentano-Gesellschaft Frankfurt/M. MBH 2008
922 S.
ISBN: 978-3-933800-26-8

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