Erzählbände & Kurzprosa

Ein Text, der an die Nieren geht

Frankfurt/Main (dpa) - Das jüngste Buch von Marguerite Duras ist gerade erst erschienen. Die Texte darin sind allerdings jahrzehntealt. «Hefte aus Kriegszeiten» lautet der prosaische Titel des Bandes aus dem Suhrkamp Verlag. Vier unscheinbare Kladden hatte Marguerite Duras zwischen 1943 bis 1949 vollgeschrieben und in einem Umschlag verwahrt. Erst jetzt wurden sie übersetzt und komplett veröffentlicht. Etliche der Themen kennen Duras-Leser längst, was das Buch nicht weniger interessant macht: Die frühen Schriften der Autorin, die 1996 in Paris gestorben ist, sind Grundrisszeichnungen für ihr Gesamtwerk. Vieles ist später in ihre berühmten Romane wie «Der Liebhaber» eingeflossen.

Sie schreibe ausschließlich aus einem «Ausgrabungsinstinkt», um ihre Erlebnisse nicht zu vergessen, notierte Duras. Manches wirkt daher noch wie Fingerübungen oder Vorarbeiten. Wie Biografie und Literatur bei der Autorin zusammenhängen, lässt sich nun in jedem Fall besser verstehen. Aber davon ganz abgesehen, sind auch die Texte selbst oft faszinierend. Das gilt etwa für die biografische Erzählung über ihre Kindheit und Jugend in Indochina, wo Duras 1914 geboren wurde, dem Jahr, in dem ihr Vater starb.

Die Beziehung zu ihrer selbstsüchtigen lieblosen Mutter und den beiden Brüdern war vorsichtig formuliert schwierig. In den «Heften aus Kriegszeiten» ist das immer wieder ein Thema. Duras erzählt davon mit einer Offenheit, die an Selbstentblößung grenzt. Das gilt genauso für die stark autobiografischen Texte, die sich mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs beschäftigen, in denen Marguerite Duras in der Résistance aktiv war.

Zu den eindrücklichsten Passagen gehört die Schilderung eines Verhörs, bei dem ein Nazi-Kollaborateur versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Duras kannte den Nazi-Terror aus eigener Erfahrung: Ihr Mann Robert Antelme war in einem Konzentrationslager in Deutschland inhaftiert. Nicht zu wissen, wie es ihm geht, ob er überhaupt noch lebt, war für sie eine der schrecklichsten Erfahrungen des Krieges. Auch das hat sie literarisch verarbeitet, in einem Text, der noch immer an die Nieren geht.

Andreas Heimann, dpa
20.12.2007

 
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Das Buch:

Marguerite Duras: 
Hefte aus Kriegszeiten

Bild: Buchcover Marquerite Duras, Hefte aus Kriegszeiten

Frankfurt/Main: Suhrkamp 2007
396 S., € 24,80
ISBN 978-3-5184-1924-3

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