Erzählbände & Kurzprosa

Aufregend liebevoll und erbarmungslos

António Lobo Antunes schreibt im «Zweiten Buch der Chroniken», er habe von seinem geliebten Großvater wohl den Gefallen daran geerbt, still dazusitzen und zu schauen. Man muss dem Großvater dankbar sein für das Erbe an seinen Schriftsteller-Enkel aus Lissabon. Antunes hat sich für dieses Buch mit 78 kleinen Geschichten, Fantasien, Reflexionen, Briefen an lebende und tote Freunde, Überlegungen zur eigenen Arbeit, Erinnerungen an Lebensstationen einfach still hingesetzt und nach innen geschaut. Und allenfalls mal aus dem Fenster seiner Schreibstube oder eines Hotelzimmers.

Was dabei, angeblich als «Gekritzel» im Lauf von jeweils durchschnittlich einer Stunde, entstanden ist, fügt sich zu einem großartigen Kunstwerk zusammen. Voller Liebe und erbarmungslos, traurig und munter, poetisch und brutal, anziehend und abstoßend. Antunes hat die Chroniken regelmäßig als Beitrag beim Magazin «Visão» abgeliefert. Wer an den immer komplexer und unentwirrbarer werdenden Romanen des ewigen Nobelpreisfavoriten verzweifelt, kann hier Trost bei zugänglicheren Texten finden.

Thema ist alles, was dem Autor gerade durch Kopf oder Herz geht. Warum er literarische Preise verachtet. Traurige Geschichten über endlosen Selbstbetrug und Betrug beim Kampf ums Eheglück. Erinnerungen, an die Kindheit, den stark prägenden portugiesischen Kolonialkrieg in Angola, die Großeltern, bei denen Antunes aufgewachsen ist, Fantasien über Menschen, die ihm über den Weg gelaufen sind.

Der als arrogant verschriene Autor schreibt auch Überlegungen zur eigenen Arbeit nieder. Einschließlich einer für die vor immer härtere Aufgaben gestellte Antunes-Lesergemeinde schon fast unwiderstehlich betitelten Chronik: «Anleitung zum Lesen meiner Bücher». Der muntere, oft selbstironische, aber auch hemmungslos fordernde Ton dieser Texte mischt sich mit Melancholie und Trauer in anderen Geschichten zu einer nur Antunes eigenen Grundmelodie.

Höchst präsent ist der Tod. Mit Liebe, ungeteilter Zuwendung und großer poetischer Kraft wendet sich Antunes an gerade gestorbene Freunde. Nach dem Tod der Tochter eines Freundes schreibt er seiner eigenen Tochter Joana: «Ich trinke nicht, und dennoch gibt es Augenblicke, in denen ich mich so allein fühle, dass es auf dasselbe hinauskommt.» Die Chronik schließt mit der Bitte an Joana: «Würdest du mir bitte deine Hand geben?»

Kurz vorher hat ein anderer Text mit dem Satz begonnen: «Ich sitze seit einer halben Stunde und warte darauf, dass die Worte für diese Chronik kommen, und nichts.» Antunes schreibt dann, nicht so aufregend, über Fußballtorhüter und reißt Orgasmus-Witze. Er schließt: «Sobald mir ein Thema zugeschossen wird, halte ich es ganz bestimmt.»

Thomas Borchert, dpa
20.07.2207

 
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Das Buch:

António Lobo Antunes:
Zweites Buch der Chroniken

Bild: Buchcover António Lobo Antunes, Zweites Buch der Chroniken

München: Luchterhand Literaturverlag 2007
320 S., € 10,00
ISBN: 978-3-630-620-87-9

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