Erzählbände & Kurzprosa

Joachim Fests Lebensbekenntnis

Die späten Essays von Joachim Fest (1926-2006) zeugen von einer großen thematischen Bandbreite des im vergangenen Jahr gestorben Historikers und Publizisten. Die Texte sind jetzt unter dem Titel «Bürgerlichkeit als Lebensform» erschienen und erinnern noch einmal an die Brillanz seiner Reden und Betrachtungen.

Das «Wahre im Wirklichen» im Leben von Fernsehregisseur Jürgen Roland («Stahlnetz») oder «Thomas Mann und der Westen» sind nur zwei Beiträge. Fest, der mit seiner «Hitler»-Biografie und als Mitherausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» große Anerkennung fand, hatte mit den kurz vor seinem Tod im September 2006 noch erschienenen Memoiren «Ich nicht» ein großes Echo erzielt. Darin beschrieb er, dass es auf dem Fundament eines richtig verstandenen Bürgertums möglich war, sich auch in der Hitler-Zeit zu widersetzen.

Im Zentrum seiner Essays steht die in dem Sammelband gleich als Einleitung wiedergegebene Dankrede Fests bei der Verleihung des Thomas-Mann-Preises 1981 in Lübeck mit seinen Überlegungen zum aussterbenden Begriff des «Bildungsbürgers», dem Fest nachtrauert und den er aber auch nicht beschönigt. Denn das Versagen des Bürgertums vor Hitler sei nicht zu leugnen. Dennoch habe Hitler, so war der Historiker überzeugt, «im Grunde nur weggeräumt, was noch herumgestanden hatte», denn Fests Lebensresümee war letztendlich: «Das ganze, was ich erlebt habe, war der Einsturz der bürgerlichen Welt.»

Für die modische Verachtung des Begriffs des «Bildungsbürgers» hatte Fest selbst nur Verachtung übrig, weil sie nur von einem großen Missverständnis zeugte. Es gehe nicht um das jederzeit abrufbare Klassikerzitat oder die Melodie von «O du mein holder Abendstern». Für Fest ging es vielmehr um «die geformte, vom elementarsten Hunger nach geistigen Erfahrungen lebenslang geprägte Persönlichkeit». Dieses Bild könne auch «der violinspielende, vom Zauber einer Schubert-Sonate ergriffene Reinhard Heydrich», der eine Zeit lang eine Art Vorzeigeklischee des Deutschen schlechthin gewesen sei, nicht grundsätzlich ändern. Der Nazipolitiker und SS-Mann Heydrich (1904-1942) war einer der Hauptorganisatoren des Holocaust.

Themenwechsel. Dass Neugier und «aufklärerische Neigung» auch im vielleicht eher profaneren Fernsehgeschäft zu Hause sein können, beschrieb Fest am Beispiel seines Freundes und Regisseurs Jürgen Roland vom NDR, dem zeitlebens nichts fremder gewesen sei als «der Typus des beamteten Mitarbeiters, der in den Anstalten unterdessen überwiegt» (1985 geschrieben). Die «linkischen Bemühtheiten, mit denen sich der deutsche Film eine Zeit lang interessant zu machen versuchte, das falsche Sozialgetue, die demonstrative Vernarrtheit in Wohnküchen und hässliche Menschen», sei seine Sache nie gewesen.

«Unbeirrbar blieb er (dpa: Jürgen Roland) bei der Wirklichkeit, deren Wahrheit, wie er aus eigener Anschauung wusste, anders war.» Das sei eine Stärke vor allem dort, «wo den Ideologien so billige Triumphe sogar über den Augenschein zugeschanzt werden», meinte Fest. «Diese Stärke hat mit dem zu tun, was man Persönlichkeit nennt», die für Goethe das «höchste Glück» gewesen sei.

Der Essayband verdeutlicht einmal mehr den großen Verlust, den eine Gesellschaft mit dem Tod Fests erlitten hat, die noch auf einen öffentlichen geistigen Diskurs auf beachtlichem, bildungsbürgerlich geprägten Niveau Wert legt.

Wilfried Mommert, dpa
14.07.2007

 
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Das Buch:

Joachim Fest:
Bürgerlichkeit als Lebensform

Bild: Buchcover Joachim Fest, Bürgerlichkeit als Lebensform

Reinbek: Rowohlt Verlag 2007
368 S., € 19,90
ISBN: 978-3-498-02118-4

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