Erzählbände & Kurzprosa

Zwischen Authentizität und Selbstinszenierung

Truman Capote ist einer der populärsten amerikanischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Mit Ausnahme des mit Audrey Hepburn verfilmten Buches «Frühstück bei Tiffany» ist allerdings kaum eines seiner Werke wirklich präsent. Diesem Zustand versucht der Schweizer Verlag Kein und Aber mit einer neu übersetzen Werksausgabe entgegenzuwirken.
Unter dem Titel «Baum der Nacht» ist in der Reihe nun eine Sammlung von Capotes sämtlichen Kurzgeschichten erschienen.

Das Buch ist überraschend dünn. Es enthält lediglich 20 Geschichten des Schriftstellers, der sich gerade in der kürzeren Prosa wohl fühlte. Der Großteil der Texte stammt aus den 40er und 50er Jahren, vier aus der Zeit danach. Dennoch lässt sich die Entwicklung des Autors - und auch das allmähliche Nachlassen von Capotes Kreativität - nachvollziehen. Sechs der Geschichten erscheinen erstmals in deutscher Übersetzung. Schon dadurch wird «Baum der Nacht» zum Erlebnis.

Zweifel an seinen schriftstellerischen Fähigkeiten waren Capote weitgehend fremd: «Ich habe mein ganzes Leben gewusst, dass ich ein Häufchen Wörter nehmen und in die Luft werfen könnte, und sie würden genau richtig herabfallen», sagte er einmal. In manchen der Geschichten, wie etwa seinem Erstlingserfolg «Miriam» oder den an Mark Twain erinnernden Geschichten «Eine Flasche voll Silber» und «Kindergeburtstag», ist die Kreativität am Werk, die Capote als Grundlage für seinen selbst inszenierten Personenkult nahm. Aber auch weitaus weniger gelungene Geschichten finden sich in «Baum der Nacht»: Texte, die ohne erkennbare Struktur und Aussage geschrieben scheinen und in denen nur selten die frühere Schaffenskraft erkennbar ist.

Inhaltlich bewegen sich die meisten Geschichten zwischen den Polen, die auch Capotes Biografie bestimmten. Erzählungen - oft Kindheitserinnerungen - aus den Südstaaten wechseln ab mit Episoden aus der New Yorker Gesellschaft, in denen zwar Geld, nicht jedoch menschliches Mitgefühl vorhanden ist. Die meisten Geschichten sind stilsicher und mit Gespür für Effekte geschrieben, aber bisweilen wirken die Symbole zu bemüht und überfrachtet, etwa in dem schwülstigen «Der kopflose Falke».

Der Verlag begleitet die Werksausgabe mit einer überarbeiteten Neuausgabe der ursprünglich 1988 erschienenen Capote-Biografie von Gerald Clarke. Überaus detailreich erzählt der Capote-Vertraute aus einem Leben, in dem auch Capote selbst Authentizität und Selbstinszenierung letztlich nicht mehr auseinander halten konnte.
Bisweilen fehlt es Clarke ein wenig an kritischer Distanz, aber dies macht das Buch durch Einsichten wett, die der Autor ohne persönliche Freundschaft zu Capote wohl nie hätte erlangen können.

Axel Knönagel, dpa
05.05.2007

 
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Das Buch:

Truman Capote:
Baum der Nacht. Alle Erzählungen

Bild: Buchcover Truman Capote, Baum der Nacht. Erzählungen

Zürich: Kein und Aber 2007
445 S., € 22,80
ISBN: 978-3-0369-5162-1

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