Erzählbände & Kurzprosa

Liebe in Zeiten der Globalisierung

Wo die Liebe hinfällt, da wächst kein Gras mehr. Dies gilt zumindest für die ersten zwölf von Irene Disches neuen Erzählungen. Amor agiert in diesen zumeist kurzen Texten (unter dem Motto «Traurige Enden») wie ein unbarmherziger Schicksalsgott, der gnadenlos seinen Tribut einfordert.

Da erfriert eine Julia ohne Arbeitserlaubnis für die USA im Gepäckraum eines Flugzeuges, worauf sich ihr Romeo das Leben nimmt. Ein Vater plant die Ermordung seiner Tochter, die mit einem Arzt zusammenlebt. Der Mord geht schief, dafür bringt dann der Bruder die Schwester um und landet dafür in der Todeszelle. Ein ausgemusterter Schönling erschlägt mit einer «Ein-Kilogramm-Dose dicke Bohnen zu 99 Cent» seine Geliebte. In «Scarlattis Reinkarnation in Reno» verdingt sich ein begnadeter Konzertpianist in einem billigen Kasino als Musiker. Als der Schwindel auffliegt, ist der Mann bereits tot.

Irene Dische erzählt sehr lakonisch und pointiert von der Liebe in Zeiten der Globalisierung - erst zwölf Desaster, dann zwölf «Glückliche Enden», dazwischen ein szenisches Intermezzo und schließlich ein Epilog, der wiederum mit der Lebensgeschichte der aus einer deutsch-jüdischen Familie stammenden Autorin zu tun hat.

Und die Moral von den Geschichten? Ist natürlich nicht so leicht so haben, weiß die 1952 in New York geborene, deutsch-amerikanische Autorin, die zuletzt den autobiografisch gefärbten Roman «Großmama packt aus» (2005) vorgelegt hat. Manchmal sind tiefstes Unglück und himmlisches Glück nur eine Frage der Perspektive. Und ein wenig erinnern diese Biogramme in Umfang und Diktion an Kalendergeschichten in der Tradition von Johann Peter Hebel.

Knapp und fast kaltschnäuzig skizziert Dische zumeist gebrochene Lebensläufe aus unserer globalisierten Welt. Da ist die bildhübsche 24-jährige Inderin, die in New York zusammen mit ihrem Vater lebt, im Fitness-Studio jobbt, sich verliebt, von ihrem Freund betrogen wird und dann von ihren Brüdern zurück nach Indien gebracht wird, wo sie mit einem verwitweten Brahmanen verheiratet wird. Die Tragödie eines zerrissenen Lebens auf sechs Seiten verdichtet. Familien sind in diesen Erzählungen nicht selten Zwangsgemeinschaften, aus denen es kein Entrinnen gibt.

Die «Glücklichen Enden» kommen weniger spektakulär daher. Ein Möchtegern-Schauspieler im Exil findet seine Bestimmung nach einem Leben der Suche als Gemüsehändler, aus Seozeres Bogart wird Jalal. In «Faustina» hat der Teufel seine Hand im Spiel, zweimal spielen Hunde die Hauptrolle, und ein junges Pärchen merkt, dass Liebe wichtiger ist als ein Koffer voll Geld.

Johannes von der Gathen, dpa
12.03.2007

 
Diese Rezension bookmarken:

Das Buch:

Irene Dische:
Lieben

Bild: Buchcover Irene Dische, Lieben

Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag 2007
284 S., € 19,95
ISBN: 978-3-455-40012-0

Diesen Titel

Logo von Amazon.de: Diesen Titel können Sie über diesen Link bei Amazon bestellen.