Erzählbände & Kurzprosa

Dunkle Wolken, aber ein Silberschweif am Horizont ...

Ob Lyrik oder Theater, Roman oder Kurzgeschichten - Renate Dalaun fühlt sich in jeder literarischen Gattung zu Hause. Die Autorin, 1935 im zu der Zeit deutsch-böhmischen Karlsbad-Fischern geboren, beschäftigt sich dabei gerne mit Themen, die anecken und denen man sich zunächst vielleicht nicht gern stellt, die jedoch ein essentieller Teil der menschlichen Natur sind. Die großen Fragen nach Schuld, Verlust, Machtlosigkeit, Identität und Entfremdung sind es doch oft, die in jedem Leben ein zentrales Motiv bilden. Und so entführt die Autorin den Leser in "Das Leben. Ein Maskentanz durch die Zeit" mit 17 Kurzgeschichten auch diesmal wieder in nicht immer heile Welten.

Gleich in der ersten Geschichte, "Vergewaltigte Wissenschaft", die mit 35 Seiten auch direkt die längste stellt, geht es nur vordergründig um die Fragen von Ethik und Moral im Zeichen der Wissenschaft: Roland, der Sohn eines Psychiaters und kurz vorm Examen, will in die Fußstapfen seines Vaters treten und führt ohne dessen Wissen Verhaltensexperimente an älteren Damen durch. Hauptfigur ist jedoch Fritz, der Untermieter und nach Meinung anderer eher von schlichtem Gemüt. Dieser sieht Roland als Vorbild und bietet ihm seine Hilfe an. Als Fritz jedoch, durch seinen neuen Horizont überflügelt, immer mehr sein geistiges Potential erkennt, wächst er über sich hinaus und erkennt schließlich die zerstörerische Kraft, die in den Taten seines "Mentors" steckt. So sind es schlussendlich die Fragen von Identität und Chancengleichheit, vor allem aber von Gewissen und Verantwortung, die den Kern der Geschichte bilden.

Andere Motive wiederum kreisen um Erinnerungen: Gleich zwei Geschichten ("Auf Zehenspitzen" und "Robinsonade") drehen sich um ein kleines Mädchen, welches zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in Karlsbad aufwächst und zunächst um Anerkennung ringt, später jedoch ihre Flucht nach Deutschland verarbeiten muss - sicher keine zufällige biographische Ähnlichkeit zur Autorin ...

Und es ist genau dieses Prinzip, welches den roten Faden vieler dieser Geschichten bildet: Weltbewegende Themen und gesellschaftliche Krisen einerseits und persönliche, intime Gefühle andererseits lassen sich nun einmal nicht trennen - und das möchte man vielleicht auch gar nicht, denn schließlich ist alles irgendwie miteinander verbunden.

Andere Geschichten handeln von einem Familientreffen im Angesicht einer drohenden Atomkatastrophe, andere wiederum lassen ihre Protagonisten nach einem schmerzhaften Verlust ganz banal die Frage stellen: Was hätte ich anders machen können? Hätte ich es verhindern können? Auch das große gesellschaftliche Thema der Wirtschafts- und Eurokrise bleibt nicht unerwähnt und lässt die Protagonistin einsehen, dass es nicht schaden kann, bevor man sich überlegt, was man gegen die große Krise tun kann, erst einmal einen Blick aus dem eigenen Fenster zu werfen.

Vielfältig sind die Schicksale der zahlreichen Protagonisten, dabei auch sehr eindringlich und persönlich. Gemeinsam ist allen, dass sie sich das Leben wohl anders vorgestellt hatten, aber alle einen Weg finden, damit umzugehen: Die einen entdecken ihr Potential und wachsen über sich hinaus, andere werden endlich zum Handeln gezwungen, wieder andere setzen einen Schlussstrich, um ihr Schicksal zu verarbeiten und gestärkt hinauskommen zu können. So ist es doch der Optimismus, der bleibt, und schlussendlich alle Protagonisten mit zumindest einem Funken Zufriedenheit und Hoffnung zurücklässt - und ihnen die Gelegenheit gibt, aus Fehlern zu lernen und an Rückschlägen zu wachsen.

Gerrit Koehler
04.03.2013

 
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Das Buch:

Renate Dalaun:
Das Leben. Ein Maskentanz durch die Zeit

Bild: Buchcover Renate Dalaun, Das Leben. Ein Maskentanz durch die Zeit

Frankfurt am Main: Frankfurter Literaturverlag 2012
290 S., € 19,80
ISBN: 978-3-8372-1219-8

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