Erzählbände & Kurzprosa

Weihnachtliches auf der Bohrinsel

Weihnachten ist etwas sehr Persönliches, und man mag deshalb nur die gewohnten schönen Traditionen erleben. Anderes ist fremd und Fremdes hat am Weihnachtsabend keinen Platz. Doch da gibt es eine Möglichkeit, die Hans-Jürgen Fisseler vortrefflich genutzt hat. Mit "Weihnachten im Sturm" macht er den Leser sehr sachte mit Geschichten vertraut, so dass man sie sich mühelos zu eigen machen kann. 

"Weihnachten im Sturm" versammelt Kurzgeschichten, und das geschieht an einem ganz besonderen Ort: auf der Bohrinsel Willemsen II in der Nordsee. Bohrinseln sind einsame Fabriken hoch über den Wellen, hier steht ein vielseitiges und meistens international besetztes Öl- und Erdgasgewerbe im Einsatz, bestehend aus allen möglichen Berufen. Fisseler hat es so eingerichtet, dass am 24. Dezember der Leitende Ingenieur alle Außenarbeiten einstellen ließ, weil ein heftiger Sturm tobte. So kam es, dass sich abends zwölf Personen in einem Raum trafen, die Weihnachten haben wollten. Nicht nur den Weihnachtsbaum mit seiner elektrischen Beleuchtung, sondern auch Geschichten dazu. Geschichten, die die Crew sogar eine Monsterwelle vergessen lassen, weil sie mit ihrer Stimmung anziehen. 

Und so kamen sie - diese weihnächtlichen Kurzgeschichten - von drei Frauen und neun Männern, alle verschieden, alle von eigener Faszination. Da sorgt eine Wunschpuppe für Aufmerksamkeit, da weckt das junge Hundemädchen Holly das Verlangen nach Umsorgt-Werden und Wärme, da fördert eine Gans- und Truthahn-Geschichte den Appetit auf ein köstliches Abendessen. Ja, diese Gans, die einfach nicht richtig schmecken wollte, so dass man sich ein Jahr später für den Truthahn entschied. Oder dann doch wieder eine Festgans, diesmal tiefgefroren aus Polen? 

Die Kurzgeschichten reihen sich zwanglos und leicht lesbar, gerade recht für ein Vorlesen vor Jungen und Mädchen. Selbstverständlich fehlt da auch der Weihnachtsmann nicht. In einer der Geschichten dreht dieser Weihnachtsmann den Spieß um. Er beschenkt nicht, er bettelt um Gaben für notleidende Kinder. Sogar Politik und hässlicher Alltag will sich in diese Geschichte schleichen, die dann doch sehr schön enden darf. Ja, ein Happy-End, darauf hat man an Weihnachten ein uraltes Anrecht, und dieser Anspruch wird in dieser Geschichtensammlung auch erfüllt. 

Später taucht der Weihnachtsmann in ganz anderer Form auf, diesmal beim Öffnen des Weihnachtskalenders und mit frischer Schlittenfahrt. Etwas Märchenhaftes gehört immer dazu, wenn es am Heiligen Abend ums Erzählen geht. 

Fisseler schreibt so einfach, dass man mühelos vorlesen kann. Und er verknüpft die Geschichten, stellt die Erzähler in eine Verbindung, die vertraut macht. Die Geschichten gewinnen dadurch an Glaubwürdigkeit. Und dass die Gruppe der Erzählerinnen und Erzähler aus aller Herren Länder stammt, führt etwas Versöhnliches herbei, das man sich gerade an Weihnachten wünscht. 

"Weihnachten im Sturm" ist ein herzliches kleines Buch, mit sehr viel Liebe gefertigt. Unverhofft hat auch das Fremde an diesem Abend seinen sicheren Platz. 

Ronald Roggen 
21.11.2011 

Eine Lesung aus diesem Buch finden Sie hier: 
http://autoren-tv.de/vorschaltseiten/fisseler_intro.html

 
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Das Buch:

Hans-Jürgen Fisseler:
Weihnachten im Sturm

Bild: Buchcover Hans-Jürgen Fisseler, Weihnachten im Sturm

Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2011
101 S., € 11,80
ISBN: 978-3-8372-0934-1

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