Erzählbände & Kurzprosa

Nie allein und doch einsam - ausgestoßen

Alice Fließ, geboren und aufgewachsen in Tirol, schreibt Prosa, Theaterstücke und Gedichte. Mit ihrer Novelle "Ausgestoßen" hat sie ein kleines Büchlein geschaffen, welches ein uraltes und ebenso aktuelles Thema behandelt: den Missbrauch von Kindern. Gleichzeitig fragt sie auch danach, ob nicht auch jene zur Verantwortung gezogen werden sollten, die geschwiegen haben, die zu Mittätern wurden.

Während eines Griechenlandaufenthalts findet eine Frau in einer Grotte am Olymp antike Schriftrollen. Mit zitternden Händen faltet sie diese auseinander und streicht sie vorsichtig glatt. Ohne Absätze und Gliederungen wurden die Texte verfasst. Schnell rollt die Frau den Fund wieder zusammen und will eilig die Höhle verlassen. Doch aus einer alten Gewohnheit heraus schaut sie noch einmal zurück und will sich vergewissern, wirklich nichts vergessen oder übersehen zu haben. Ihr stockt der Atem, als sie unweit vom Fundort ein menschliches Skelett entdeckt.

Die Zeilen und das Skelett sind von Skotia, einer jungen Griechin, die ein unwürdiges, kurzes Leben führen musste. Hineingeboren in die raue und karge Landschaft Thessaliens und in eine Familie, die in Wirklichkeit keine ist, beginnt ihr Leben als Ausgestoßene. Sie hat Brüder und Schwestern, einen Vater und eine Mutter und auch Tanten. Doch von Beginn an wird die Nachzüglerin von der Familie gehasst. Mit Missachtung gestraft, kommt sie sich schon früh wie eine Aussätzige vor. Ihren Vater nennt sie von Beginn an den "Bockfüßigen". Ihre Mutter hingegen ist eine Frau, die gegen ihren Willen und ohne Freude Mutter sein muss und die Skotia alsbald nur noch ihre "Gebärerin" nennen wird.

Eines Tages nimmt der Vater Skotia mit hinauf auf den Hügel. Ihre Schwestern grinsen hämisch und ihre Mutter geht ihrer Arbeit nach, als wüsste sie nicht, was gleich passieren würde. Der Vater zwingt Skotia sich auszuziehen und vergewaltigt das junge Kind brutal, bis es schreit, weint und blutet. Anschließend lässt er es so zurück. Benommen vom Schmerz bricht Skotia taumelnd auf, ohne wirklich zu wissen, wohin. Sie kommt an einer Hütte vorbei und wird von einem alten Mann und seiner Frau aufgenommen, versorgt und gepflegt, ehe sie wieder zurückkehren muss zu ihrer Familie.

Und so vergehen Jahre des Missbrauchs, der Demütigung und Verachtung von Seiten der Familie. Skotia wird behandelt wie ein räudiger Hund, während ihre Geschwister beachtet und geliebt werden. Skotia hat immer wieder Albträume, in denen die Macht des Vaters sich ihr immer wieder verdeutlicht. Sie versucht in den Träumen ihren Vater abzuschütteln, ihn los zu werden, doch er ist immer stärker - und das quält sie. Ihre seelische Not wird durch die Träume sehr gut zum Ausdruck gebracht. Als auch Skotias Bruder Achill ihr auflauert, spitzt sich die Lage zu. Einer Tante fallen Ungereimtheiten auf, doch sie gibt sich mit fadenscheinigen Ausreden zufrieden und hakt nicht weiter nach. Auch die Geschwister Skotias wissen ganz genau was vor sich geht, halten aber in keinster Weise zu ihr, oder helfen ihr, ganz im Gegenteil. Und der Vater zeigt ebenfalls kein Unrechtsbewusstsein. Er behandelt seine Tochter wie eine Prostituierte, nimmt sie sich wann immer er will. Erst als Skotia ihre Periode bekommt, endet ihr Martyrium. Sie wird fortgeschickt.

Als Skotia später ihrem Vater einmal begegnet, beschimpft er sie als Porne, ohne auch nur die geringste Spur von Mitleid zu haben. Er sucht nicht einen Moment lang die Schuld bei sich. In seinen Augen ist seine Tochter eine Prostituierte, dabei ist der einzige Mann, mit dem sie jemals den Beischlaf ausgeführt hat - ihr eigener Vater.

Doch die Zeit, die dann folgt, ist bittersüß. Skotia verliebt sich in Cladigo, einen Jüngling aus einem Dorfe in der Nähe ihrer neuen Heimat. Cladigo liebt sie aufrichtig und Skotia genießt zum ersten Mal in ihrem Leben aufrichtige und gewaltfreie Liebe. Doch sie spürt, dass sie ihm nie wird geben können, was er sich erträumt. Und so nehmen die Dinge ihren traurigen Lauf.

Alice Fließ hat sich in "Ausgestoßen" eines Themas angenommen, welches stets aktuell sein wird. Dadurch, dass sie diese Problematik in den Zeitraum der Antike verschoben hat, wird dem Leser sehr schnell deutlich, wie weit Kindesmissbrauch in die Geschichte zurückreicht und wie unaufhaltsam er bis heute ist. Gleichzeitig bringt sie dem Leser nahe, welche Rolle die Familien solcher Kinder spielen - erst recht, wenn sie tatenlos zusehen, wissend sind und wegschauen oder sogar noch zu Mittätern werden. Man empfindet diese Geschichte schon als bedrückend und zutiefst traurig. Die Täter bewegen sich weiterhin frei in der Gesellschaft und die Opfer sind gebrandmarkt ein ganzes Leben lang. Die Rede ist hier auch nicht von den nichts ahnenden Familien, sondern von denen, die involviert sind. Diese müssen ebenso bestraft werden, wie die Täter.

Am Beispiel von Skotias Tante wird deutlich, wie oft Verdachtsmomente aufkommen, wie oft Verwandte ahnen, was da vor sich geht und doch geben sie sich mit zum Himmel schreienden Erklärungen zufrieden und schreiten nicht weiter ein. Genauso oft gibt es Mittäter in den eigenen Reihen und die Mutter schützt ihre Tochter nicht vor den Übergriffen von Vater und Sohn. Sie schweigt. Skotias Tante hat den richtigen Impuls gehabt, ihn aber nicht weiter verfolgt und damit hat auch sie sich strafbar gemacht, dessen muss man sich bewusst werden.

Die Autorin macht zwischen den Zeilen deutlich, wie oft sexuell missbrauchte Kinder von ihren Familien alleine gelassen werden, in jeglicher Hinsicht und das prangert sie zu Recht an. Alice Fließ´ Novelle "Ausgestoßen" ist Gold wert und sollte eine große Leserschaft erreichen. Skotias Erfahrungen, Gedanken und Träume zeigen ein Schicksal von Millionen auf.

Tanja Küsters
28.06.2010

 
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Das Buch:

Alice Fließ:
Ausgestoßen

Bild: Buchcover Alice Fließ, Ausgestoßen

Frankfurt am Main: Weimarer Schiller-Presse 2009
111 S., € 12,40
ISBN: 978-3-8372-0506-0

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