Erzählbände & Kurzprosa

Schonungsloses Porträt Mexikos in 16 Erzählungen von Carlos Fuentes

«Alle glücklichen Familien». Der Titel täuscht. Die Helden des mexikanischen Schriftstellers Carlos Fuentes in seinem jüngsten Werk sind alles andere als glücklich. Es geht um Verlierer. Im Reichtum schwimmend oder am untersten Ende der Gesellschaft - das macht keinen Unterschied. Die 16 Erzählungen, verbunden durch sprachgewaltige lyrische Texte, lesen sich wie ein schonungsloses Porträt des heutigen Mexiko. Der Altmeister - er feierte gerade seinen 80. Geburtstag - wird von der Kritik nicht umsonst als größter lebender Romancier seines Landes gelobt. Die thematisch breit angelegten Geschichten weisen ihn neuerlich als Kenner menschlicher Schicksale, ironisch-distanzierten Gesellschaftskritiker und Sprachstilisten aus.

Einsamkeit und Tod, politische Nötigung und extreme Frömmigkeit, Neid, Hass und Liebe, Sex, Betrug, Macht, Korruption, Geldgier, Lüge, Demütigung und Diskriminierung, Mitleid oder Gerechtigkeit. Das Leben, wie es der Realist hinter der Fassade respektabler Wohlanständigkeit beschreibt, ist unendlich facettenreich. Da ist der ewig Unzufriedene, der als armer Schlucker in eine traditionelle mexikanische Familie einheiratet. Die strenge Gläubigkeit der schönen Braut verbietet alle «Schweinereien» in der Ehe, so dass er es heimlich mit einer armen, hässlichen Verwandten treibt.

Gleich mehrfach als Hemmnis einer modernen Gesellschaft beklagt wird der Generationskonflikt. Ein ehrgeiziger Sohn demütigt seinen mit ein paar Almosen in den Vorruhestand entlassenen Vater als Schwachkopf, nur um seine eigene Karriere in der gleichen Firma zu befördern. Der Vater wiederum verteidigt seine Ehrlichkeit gegen die allerorten schnell aufsteigenden «Gauner, Arschkriecher und Speichellecker». Die Rebellion gegen die patriarchischen Familienstrukturen in einer «Präsidentenfamilie» sorgt nicht bloß für Konflikte zu Hause, sondern gefährdet gleich das hohe Amt. Weil der Sohn ein Lotterleben führt, stellt sich für den Vater die Frage: «Wie kann man ein Land regieren, wenn man nicht einmal den eigenen Sohn im Griff hat?» Ein Armeegeneral muss einen eigenen Sohn gefangen nehmen, der mit den aufständischen Bauern paktiert.

Um einer «glücklichen Familie» nachzuhelfen, lohnt sich nicht einmal eine perfekte Affäre, so Fuentes. Erinnerungen an eine gescheiterte Jugendliebe sollte man sich indes bis ins Alter bewahren, rät der Autor, der ein sich durch Zufall wieder getroffenes Paar bei einer Schiffsreise beobachtet. Wenn Fuentes über privates Unglück philosophiert, dann liest sich das mitunter lustvoll. Umso strenger nehmen sich dagegen seine lyrischen Einlassungen aus. Ob der «Chor der jungen Straßenmütter» oder der «Chor der Selbstmördertochter» - die bilderträchtigen Verse sind voller Bitterkeit. Fuentes als moralische Instanz prangert schlimmste Verwerfungen im heutigen Mexiko an: Drogenkonsum, Missrauch, Gewalt, Prostitution, Obdachlosigkeit und Diskriminierung.

Irma Weinreich, dpa
17.11.2008

 
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Das Buch:

Carlos Fuentes:
Alle glücklichen Familien

Bild: Buchcover Carlos Fuentes, Alle glücklichen Familien

Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2008
410 S., € 22,90
ISBN 978-3-10-020753-1

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