Erzählbände & Kurzprosa

Nach Romanerfolg von Kim Edwards nun auch Erzählungen auf Deutsch

Kaum jemand kann einen Roman in einem Rutsch durchlesen. Aber wer will das schon? Denn ein richtig toller Roman ist doch immer ein Lebensabschnittsgefährte. Für ein paar Tage oder Wochen freuen wir uns auf jedes Wiedersehen, egal ob es kurz ist oder lang, ob wir drei Seiten lesen oder 30. Wer das Buch neben dem Bett liegen hat, geht über Kapitelgrenzen hinweg oder hört mitten im Abschnitt auf - dafür gibt es Lesezeichen oder notfalls Eselsohren. Ein solcher Roman ist zum Beispiel «Die Tochter des Fotografen» von Kim Edwards, der 2007 auch in Deutschland zum Bestseller wurde.

Kurzgeschichten dagegen sind definitionsgemäß dafür gemacht, sie ohne Pause zu lesen. Wir müssen uns auf auf ihren Rhythmus einlassen.Nach einer starken Story gleich in die nächste einzutauchen ist nicht einfach, ein Buch mitten in einer knappen Erzählung wegzulegen ebenso wenig. Das alles ist nicht schlimm - außer, man erwartet einen Roman und bekommt eine Sammlung von Kurzgeschichten.

Daher ist der Hinweis wichtig: «Der Hibiskushimmel» ist nicht der zweite Roman von Kim Edwards, auf den viele warten. An dem schreibt sie noch. Sondern es sind die 14 kurzen Erzählungen, die sie bereits 1997, lange vor ihrem erfolgreichen Romandebüt, veröffentlicht hatte.Vielleicht wären sie nie auf Deutsch erschienen, hätte ihr Roman nicht derart eingeschlagen. Das aber wäre schade gewesen, denn auch für die kurze Form gilt: Kim Edwards kann wunderbar erzählen.

Die US-Autorin lebte mehrere Jahre in Malaysia, Japan und Kambodscha, und einige der Geschichten spielen in Asien. «Das Haus meines Vaters gibt es nicht mehr. Ich habe bei dem Abriss zugesehen, als der Bagger große Stücke aus den Wänden biss und nach und nach die Zimmer zerlegte, die ich so oft geputzt hatte», erzählt Eshlaini im «Rad des Lebens». Sie nimmt späte Rache an ihrem tyrannischen Vater.

Eine überehrgeizige Weiße, die unbedingt wieder beim Sultan eingeladen werden will, steht im Mittelpunkt einer anderen Geschichte. Von Wissenschaftlern, die einen Geheimbund für Utopie- Gläubige gründen, handelt «Die Laterne des Aristoteles». Aber Edwards reist nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Nach Frankreich zur Zeit Marie Curies zum Beispiel. Oder zu den Stahlbaronen von Pittsburgh vor 100 Jahren.

Edwards dringt nie besonders tief ein in die fremde Kultur oder die ferne Zeit. Aber das wirkt nicht oberflächlich, sondern führt dazu, dass die Leser sich weder abgeschreckt noch belehrt fühlen. Das Fremde kommt selbstverständlich daher.

Keine Erzählung ist länger als 40 Seiten, und in den besten beschränkt sich Edwards darauf, ihre Protagonisten in einer spannenden Momentaufnahme zu zeigen. Durch andere Geschichten rast die Autorin mit uns dagegen in einem Hochgeschwindigkeitszug, und man würde gerne abbremsen und sich viel genauer anschauen, was links und rechts vorbeifliegt. Aber dann würden aus den Erzählungen Romane.

Jürgen Hein, dpa
01.09.2008

 
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Das Buch:

Kim Edwards:
Der Hibiskushimmel. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder und Milan Clauss

Bild: Buchcover Kim Edwards, Der Hibiskushimmel

Berlin: Kiepenheuer Verlag 2008
344 S., € 19,95
ISBN: 978-3-378-00687-4

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