Erzählbände & Kurzprosa

Lieben nicht weil, sonder trotzdem

Schnell fertig sind wir oft mit unserem Urteil über Menschen oder  Tiere; ob wir sie lieben oder nicht, ist häufig nur die Sache eines Augenblicks. Irrtümer nicht ausgeschlossen. Doch nur recht selten sind wir bereit und in der Lage, falsche Urteile zu revidieren, was einfach daran liegt: wir lieben in der Regel Menschen, weil sie unseren Vorstellungen und Neigungen entsprechen, und nicht obwohl sie Fehler haben.

Die Bendorfer Autorin Panja Bartsch hat sich in ihrem Erstlingswerk "Lieben heißt nicht weil, lieben heißt trotzdem" mit dieser Frage beschäftigt. Allerdings nicht mit dem besagten erhobenen Zeigefinger, wie man vielleicht vermuten könnte. In 13 unterhaltsamen Kurzgeschichten beschreibt sie vielmehr mal humoristisch, ironisch, zuweilen fast satirisch und dann mal nachdenklich, besinnlich und sogar philosophisch analytisch Menschen, die in sehr unterschiedlichen Beziehungen zueinander stehen. Menschen, die zueinander finden, und Menschen, die auseinander gehen.

Doch diese Geschichten haben mit banal oberflächlichen Herz-Schmerz-Erzählungen nichts gemein. Panja Bartsch befasst sich trotz der Kürze ihrer Geschichten scharfsinnig mit den Hintergründen menschlichen Zusammenlebens. Wie beispielsweise eine junge alleinerziehende Mutter in einem einstigen Schulkameraden, in dem sie bis dato nur einen ab und an nützlichen alten Kumpel sah, den (fast) idealen Ehemann und Vater entdeckt.

Mit spitzer Feder berichtet sie von einem Klassentreffen, bei dem alte, noch aus der gemeinsamen Schulzeit resultierende Vorurteile genüsslich gepflegt werden, bis ein überraschendes Ereignis Spießertum und Hochnäsigkeit der ganzen gehässigen Bande schonungslos entlarvt. An anderer Stelle wird ein nervtötendes und offenbar gegen jegliche Erziehung resistentes „Hundsvieh“ zum Lebensretter.

Endlich löst sich eine allzu geduldige Ehefrau aus den Fesseln einer Ehe, die nichts anderes mehr war als eine ihres Inhalts völlig entleerte Hülle. Dann lässt Panja Bartsch ihre Leser an einem Treffen mit einem Clochard teilhaben. Kein heiliger Trinker ist´s, der ihnen da begegnet, aber ein Mensch aus Fleisch und Blut und mit erstaunlich viel Würde unter seinen zerrissenen Klamotten.

Bemerkenswert: die Autorin bedient auch gerade bei den Themen, bei denen die Versuchung gefährlich nahe liegt, keine der üblichen Klischees. Sie fühlt sich auch keinesfalls zu missionarischem Eifer aufgerufen. Geheucheltes Mitleid ist ihr ebenso fremd wie eitle Schadenfreude. Und wenn es um die Ehe geht, pocht sie nicht unnachgiebig auf ein „bis dass der Tod euch scheidet“. Doch an das Versprechen "in guten wie in schlechten Tagen" erinnert sie sehr wohl. Nicht wörtlich und nicht explizit, aber doch ernst und nachhaltig.

Das ist eben eine der Stärke dieser gut geschriebenen Kurzgeschichten: die „Moral von der Geschicht“, wie es Wilhelm Busch sagen würde, steckt unausgesprochen zwischen den Zeilen. Und doch hat ein aufmerksamer Leser kaum die Chance, sich hier und da nicht selbst ertappt zu fühlen. Das piekst zwar ein bisschen, aber das soll es wohl auch.

Peter Lindemann
12.09.2007

 
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Das Buch:

Panja Bartsch:
Lieben heißt nicht weil, Lieben heißt trotzdem. Kurzgeschichten.

Bild: Buchcover Panja Bartsch, Lieben heißt nicht weil, Lieben heißt trotzdem

Frankfurt am Main: August von Goethe Literatur Verlag 2008
99 S., € 8,90
ISBN: 978-3-86548-886-2

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