Erzhlbnde & Kurzprosa

Frsorge eines Fremden

Wann ist Lesern von Literatur ein Schriftsteller sympathisch? Sympathisch sind Lesern von Literatur Schriftsteller, die nicht die trivialen Geschichten der trivialen Welt erzählen und keine Geschichten mit der trivialen Sprache der Wirklichkeit. So bestimmt und bestimmend gesagt, heißt das: Peter Handke ist ein Schriftsteller, der die ungeteilte Sympathie der Leser hat. Sein Werk ist ein literarisiertes Werk. Fernab der Trivialität. Und doch nicht ohne Triviales. Wie das? Weil alles trivial werden kann.

Dann, wenn Geschichten wie Sprache zum künstlichen Konstrukt werden, das kein Gehirn und Gemüt jenseits des Autors erreicht. Dann, wenn sich Leser und Schriftsteller fremd gegenüberstehen. Peter Handke hat wiederholt für Fremdheit gesorgt. Viele haben ihm den Rücken gekehrt. Selbst, wenn sie seine kontroversen Gedanken achten, die er zu aktuellen politischen Ereignissen in den Medien artikuliert. Wer die Handke-Berge hinaufgeklettert ist, weiß, wie dünn die Luft in den höchsten Handke-Höhen werden kann.

Wer die Berge dann wieder hinabstieg, weiß was vom geistigen Muskelkater. Handke will seinen Lesern keine Strapazen ersparen. Nicht selten war´s so, als wollte er das Alphabet neu buchstabieren. Wer meint, mit Handke längst fertig zu sein, ist längst noch nicht mit Handke fertig. Allem Verdruß und Überdruß zum Trotz gerät den Lesern immer wieder ein neuer oder alter Handke in die Hände. Mancher, der sich bereits abgehängt glaubte, hängt sich dem Schriftsteller wieder an. Das, genau das, könnte jetzt erst - oder abermals - geschehen. Kein neuer Handke, kommt mit dem Band "Meine Ortstafeln, Meine Zeittafeln 1967- 2007" der Essayist ins Haus, der einem so kompakt wie leichtfüßig, dabei die Wege der Annäherung schnell wechselnd, lange nicht begegnet ist.

Die Zeittafeln, die Ortstafeln sind am ehesten Hinweise auf Namenstafeln. Zeiten und Orte, die auf Menschen, also ihre Schicksale und Werke verweisen, sind zumeist der Anlaß für die essayistischen Äußerungen, zu denen sich der Verfasser veranlaßt sieht. Handke ist nicht denunziert, wenn festgestellt wird, daß viele Texte Freundes-Dienste sind. Aus Freundschaft (Nicolas Born)! Freundschaft hält er mit den Toten (Franz Kafka), die seine Geistes-Geschwister sind. Die Treue hält er den wenig beachteten Beachtenswerten, die er bereits überlebte (Hermann Lenz). Die Liebe zu allem, was einem in Literatur und Kunst liebgeworden ist, muß man sich stets neu verdienen, indem man das Liebenswerte durch fortgesetzte Anteilnahme belebt.  Das ist es, was Peter Handke tut, das vor allem. Kein Feuriger, kein Eifernder, ist er stets der Nachfolger und Kollege, der mit analytischer Achtung von den Vorangegangenen und Zeitgenossen redet, die ihm nah sind. Wer und was ihm nah ist, will er den Lesern annähern. Handke will ehren und danken. Das ist ihm lieber, als der Geehrte zu sein, der Dank zu sagen hat. Das Danksagen absolviert er mit Geschick. In seinen Danksagungen ehrt er die, die nicht im Rampenlicht stehen und die, nicht aus Mitleid, mehr Achtsamkeit verdienten. Spricht Handke über sich, gelingt es ihm immer wieder, sich in den Schatten zurückzuziehen. Spricht er über Andere, versucht er die öffentliche Verständigung über Andere, kann sich Handke sehr wohl in den Mittelpunkt stellen. Kurzum: Ohne jegliche Anbiederei erweist sich Peter Handke seit Jahrzehnten als ein überaus kollegialer Kollege. Auf verläßliche Art pflegt er die Kultur der literarisch-künstlerischen Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die keine Zeit-, keine Ortsgrenzen kennt. Eine Gemeinschaft, die seit Menschengedenken existiert und eine Weltgemeinschaft ist. Der Pflege der Gemeinschaft hat sich der Schriftsteller selbst verpflichtet. In der Verpflichtung ist er ein unaufdringlich-strebsamer Aktionist. Das heißt, als Vermittler und Verständiger tritt er nicht um seiner selbst auf. Das macht den Schriftsteller sympathisch, der manchmal schwer gelitten ist. Nicht nur Handke-Bildnisse rechtfertigen es, einen Satz des Peter Handke zu zitieren, in dem er sich selbst erkennen kann: "Alfred Kolleritsch ist ein freundlicher Mensch mit einem ziemlich bösen Blick."

Bernd Heimberger
23.01.2008

 
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Das Buch:

Peter Handke: Meine Ortstafeln. Meine Zeittafeln 1967-2007

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Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag 2007
624 S., 25,00
ISBN: 978-3-518-41947-2

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