Briefliteratur & Tagebuch

Hans Fallada: Briefe aus einem zerrissenen Leben

Genie und Wahnsinn lagen bei Hans Fallada nah zusammen. Eine neue Biografie zeichnet seinen Lebensweg in Bildern und Briefen nach.

Hans Falladas Meisterwerk "Jeder stirbt für sich allein" ist 60 Jahre nach seinem Erscheinen zu einem internationalen Bestseller geworden. In den USA, Großbritannien und Israel eroberte der Roman im vergangenen Jahr die Hitlisten, in Deutschland kam erstmals eine ungekürzte Fassung auf den Markt. Das Buch "Hans Fallada. Sein Leben in Bildern und Briefen" gibt jetzt einen neuen Einblick in das zerrissene Leben des großen Autors.

Mehr als 8000 Briefe zählt die Fallada-Korrespondenz im sogenannten Feldberger Archiv - von ihm als Durchschlag auf seiner alten Remington-Koffermaschine getippt und fein säuberlich abgeheftet. Daneben hielt er sein Alltagsleben als Familienvater, Landwirt und Schriftsteller in zahllosen Fotos fest.

Aus diesem Fundus haben die Herausgeber Gunnar Müller-Waldeck und Roland Ulrich ein dichtes Porträt zusammengestellt, unter Mitarbeit von Falladas ältestem Sohn Uli Ditzen (82). "Geschriebenes mag ihm mitunter wichtiger gewesen sein als das Leben selbst, das er häufig kaum aushielt und dem er als Pessimist gegenüberstand", heißt es im Nachwort.

1893 als Sohn einer gutsituierten Juristenfamilie in Greifswald geboren, litt Fallada (mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen) zeitlebens unter psychischen Störungen, Alkohol- und Drogensucht. Immer wieder musste er nach Zusammenbrüchen in die Psychiatrie, zweimal auch ins Gefängnis. Von diesen seelischen Qualen erzählen die Briefe wenig. Aber sie geben mit viel Liebe zum Detail die großen und kleinen Alltäglichkeiten wieder - vom ewigen Kampf ums Geld bis zum Stolz auf seine vier Kinder.

Vor allem ist es die Zwiesprache mit seiner langjährigen Frau Suse und später mit der sehr viel jüngeren Gefährtin Ulla, die berührt. Dazu gibt es viele Berichte an die Eltern, Korrespondenz mit Verlegern und Freunden sowie windungsreiche Antworten an die NS-Kulturoberen. Und immer wieder geht es um die Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit. "Ich (ob)liege meiner Schreiberei mit einer völligen Besessenheit. Ich kann nicht eine Woche pausieren. Ich muss schreiben, schildern, erzählen, aber im Grunde ist es ein trauriges Geschäft."

So entstehen nach zwei wenig geliebten Erstlingen die später so erfolgreichen Romane wie "Kleiner Mann - was nun?", "Wer einmal aus dem Blechnapf frißt" und "Wolf unter Wölfen". Erstmals sind auch zu "Jeder stirbt für sich allein" spannende Details zu erfahren. "Puppenlustig" habe er die 550 Seiten starke Geschichte über den Nazi-Widerstand eines Berliner Ehepaars in einer absoluten Rekordzeit von vier Wochen niedergeschrieben.

"Ich glaube, es ist seit dem 'Wolf unter Wölfen' wieder der erste richtige Fallada geworden", schreibt er im Oktober 1946 an seine frühere Frau Suse. Es wird auch der letzte Fallada sein. Vier Monate später stirbt er nach mehreren Zusammenbrüchen mit 53 Jahren an Herzversagen in einem Hilfskrankenhaus in Berlin.

Nada Weigelt, dpa
11.06.2012

 
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Das Buch:

Gunnar Müller-Waldeck, Roland Ulrich (Hg.):
Hans Fallada: Sein Leben in Bildern und Briefen

Bild: Buchcover Gunnar Müller-Waldeck und Roland Ulrich (Hg.), Hans Fallada: Sein Leben in Bildern und Briefen

Berlin: Aufbau Verlag 2012
272 S., € 28,00
ISBN: 978-3-351-03391-0

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