Briefliteratur & Tagebuch

Italo Calvinos Briefe

Italo Calvino (1923-1985) ist jedem Kind in Italien ein Begriff. Der auf Kuba geborene und in San Remo aufgewachsene Schriftsteller gehört heute zur festen Schullektüre auf der Appenin- Halbinsel und zum vergnüglichen Pflichtprogramm von Italienisch- Studenten an internationalen Universitäten. Besonders mit seinen Werken «Wenn ein Reisender in einer Winternacht» und der Trilogie «Unsere Verwandten» hat der Autor Weltruhm erlangt. Neben seinen fantasievollen, oft märchenhaften Büchern hat sich Calvino aber auch theoretisch mit dem Thema Literatur auseinandergesetzt. Dies belegen vor allem Calvinos gesammelte Briefe, die der Hanser Verlag jetzt unter dem Titel «Ich bedaure, dass wir uns nicht kennen» herausgebracht hat.

Ob in seinen Schreiben an den Jugendfreund und Journalisten Eugenio Scalfari, den sizilianischen Schriftsteller Leonardo Sciascia, den kürzlich gestorbenen Meisterregisseur Michelangelo Antonioni oder den deutschen Dichter Hans Magnus Enzensberger - die Liste seiner Briefpartner liest sich wie ein Namenverzeichnis der Kulturgeschichte. Calvino, der unter anderem die berühmte Zeitschrift «Menabò» herausgab und als Lektor tätig war, verstand es dabei auch in seiner Korrespondenz, tiefsinnige literarische und künstlerische Debatten anzufachen.

Gleichzeitig spiegelt der Band die großen Ereignisse des 20. Jahrhunderts wieder - von der kulturellen Neugründung nach dem Faschismus über die Revolutionen in Lateinamerika bis hin zum Pariser Mai 1968 finden sich in den Schreiben persönliche Überlegungen und Ansichten zur Weltpolitik.

So gibt uns Calvino etwa Auskunft darüber, warum er nach dem Krieg lieber in Turin als in San Remo lebte: «Ich bin jetzt über die Weihnachtsfeiertage in San Remo, weil meine Familie hier lebt. Aber es behagt mir hier nicht, weil San Remo eine Stadt von Boureois und Faulenzern ist, deshalb lebe ich immer in Turin, wo ich Hunger und Kälte leide, aber mich zum Arbeiten wohler fühle», schrieb er 1947 an den Schriftsteller Marcello Venturi.

Vier Jahre zuvor berichtete er Eugenio Scalfari über seine innere Zerrissenheit - und sparte dabei nicht mit deutlichen Worten: «Es gibt Momente - ich schwöre es Dir - da fühle ich den überschäumenden Willen in mir, ein großer Mann zu werden, und fast will mir ein Menschenleben zu kurz erscheinen, um all das aufzunehmen, wozu ich mich in der Lage fühle. Dann zerfleddre ich, franse aus und breche auseinander. (...) Mir fehlt jene gundlegende Gabe des Burzioschen Weltenschöpfers, seine magische Kraft, die Verwandlung der eigenen Angelegenheiten in Poesie. Mit einem Wort, ich sitze in der Scheiße.»

In anderen Briefen, etwa an den Dichter und Regisseur Pier Paolo Pasolini - mit dem Calvino eine Haßliebe verband -, schwelgt er in langen Ausführungen über die Nachkriegs-
literatur, über Dialektschreiber und Kriegserzählungen, über die Übersetzung von Volksmärchen und platonische Motive. Die Briefe umfassen den Zeitraum von 1941 bis zu seinem Tod 1985. «Die Biographie einer ganzen Epoche und ihrer Themen», brachte es der Verlag auf den Punkt.

Carola Frentzen, dpa
03.09.2007

 
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Das Buch:

Italo Calvino:
Ich bedaure, daß wir uns nicht kennen

Bild: Buchcover Italo Calvino, Ich bedaure, daß wir uns nicht kennen

München: Hanser 2007
416 S., € 25,90
ISBN: 978-3-4462-0919-0

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