Briefliteratur & Tagebuch

Ein Nachkriegssommer voller Hoffnungen und Träume - festgehalten von Ingeborg Bachmann

Der Zweite Weltkrieg bedeutete damals für viele das Ende einer Welt, wie sie sie kannten. Zahlreiche Tagebücher, unvergängliche Zeitdokumente, zeugen von der Grausamkeit eines Terror-Regimes, das selbst vor Massenmord nicht zurückschreckte. Auch Ingeborg Bachmann empfand Abscheu vor der nationalsozialistischen Ideologie und Erleichterung, als im Mai 1945 die endgültige Kapitulation unterzeichnet wurde - ein kleiner Schimmer am dunkelverhangenen Horizont für die österreichische Schriftstellerin, die 18-jährig erstmals einer hoffnungsfrohen Zukunft entgegensieht. Davon erzählt auch ihr "Kriegstagebuch", das den Nachkriegssommer mit Gefühlen füllt, die Bachmann zuvor nur von ihrer Familie erfahren hat - die Liebe zu sich selbst, zu anderen Menschen und zum Leben.

Ingeborg Bachmanns "Kriegstagebuch" ist eine Reise einer jugendlichen Seele durch die letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges, hinein in die ersten Wochen des Nachkriegssommers. Es erzählt von Ängsten, die sie und ihre Freunde vor den einrückenden russischen Truppen haben, von Mut und Unbedingtheit, die sich in ihren gelesenen Büchern wiederfinden, und von dem Traum eines Neuanfangs nach dem Ende des NS-Regimes. Doch das ist nur die eine Seite, denn es ist ein Zeugnis von erblühender Liebe zu Jack Hamesh, einem Soldaten, den Bachmann im Frühsommer 1945 kennenlernt. Die beschwingte Leichtigkeit, die eine junge Liebe erfasst und als Einziges vermag, das Böse dieser Welt aus dem eigenen Herzen zu verdrängen, prägt das "Kriegstagebuch" und ist zugleich Zeugnis eines Aufbruchs zu einem glücklicheren Leben als das der letzten sechs Jahre.

Davon berichten auch die Briefe, die Hamesh an seine junge Liebe in Klagenfurt geschrieben hat. Sie sprechen von Einsamkeit, die er empfindet, wenn er nicht in ihrer Nähe sein kann. Von Hoffnung und der Sehnsucht nach Heimat, Familie und Geborgenheit erzählen die vereinzelten Nachrichten, die aus dem tiefsten Herzen geschrieben zu sein scheinen. Und doch verlässt Hamesh seine geliebte Inge, als er im Juni 1946 Deutschland den Rücken kehrt, um im damaligen Palästina nach seiner eigenen Identität und seiner Lebensaufgabe zu suchen. Je weiter er sich allerdings von Österreich entfernt, umso näher rückt er mit seinen Herzen zu seiner Geliebten, die daheim ihrem Studium der Philosophie, Psychologie, Germanistik und Rechtswissenschaften nachgeht. Ein festes Band, das auch Jahrzehnte später niemand zu lösen vermag und allzeit als eine Erinnerung für die Liebe zweier Menschen zueinander steht.

Ingeborg Bachmanns "Kriegstagebuch" ist zwar kein solch epochales Zeitdokument wie das Tagebuch der Anne Frank und doch vermag es dem Leser den Eindruck eines Lebens und einer Zeit zu vermitteln, die viel erlitten und erlebt haben. Es ist eines der wenigen Zeugnisse, die den Menschen Bachmann zeigen und nicht die literarische Gestalt, die selbst heute noch die Schriftstellerszene überragt. Und doch haben die wenigen Seiten hier mehr Poesie, Ausdruckskraft und Herz als so mancher Roman, denn es ist keine erfundene Geschichte, sondern Realität, ein Stück Zeitgeschichte, das bewahrt gehört, um auch viele Jahrzehnte später noch von einer großartigen Frau zu sprechen, die nie zurück, sondern stets nach vorne sah - immer dem Horizont entgegen, hinter dem sich etwas Schönes, Wundervolles, Unbekanntes verbirgt.

Susann Fleischer
07.06.2010

 
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Das Buch:

Hans Höller (Hg.):
Ingeborg Bachmann:
Kriegstagebuch - Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann

Bild: Buchcover Hans Höller (Hg.), Ingeborg Bachmann: Kriegstagebuch - Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann

Berlin: Suhrkamp Verlag 2010
107 S., € 15,80
ISBN: 978-3-518-42145-1

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